Ein Frosch auf Abwegen (Teil 15)

Mit einem Frosch auf dem Landweg nach Australien. Ja, klar. Das war vor gut drei Jahren im Oktober 2009. Da verließen Amelie und Till de Boer in ihrem froschgrünen Rundhauben-Benz Schulenburg-Nord, um auf Weltreise zu gehen. Ihre Villa sollte fallen wenige Tage später. Mit ansehen wollten sie das nicht. Dass sie Anfang dieses Jahres jedoch erneut in Sichtweite ihres einstigen Domizils landen würden mit Blick auf ihren noch immer gefüllten Briefkasten – das ahnten sie damals nicht.

All dies erzählen sie an einem Abend Ende September 2012. Wir sitzen mitten im Wald in ihrem Holzhaus im Hamwiede, einem Dörflein nahe Walsrode. Wir sitzen auf den wenigen Stühlen, die noch in der geräumigen Wohnküche stehen. Drum herum stapeln sich Kartons, Karten, Koffer. Denn in wenigen Tagen geht es wieder los. Fast so wie vor drei Jahren, als sie die Villa hinter sich lassen mussten. Ihre Villa.

Von der einstigen Groß-Wohn-Gemeinschaft zum trauten Heim für zwei: Till de Boer und seine spätere Ehefrau Amelie waren zuletzt alleine Bewohner der Villa. Foto: privat

Wieder ist sind die Jobs gekündigt. Der Mietvertrag. Familie und Freunde ge- und auf den nächsten Frühsommer vertröstet. Und doch ist diesmal alles anders. Brachen die zwei im Herbst 2009 auf getrieben vom Verlust ihres Zuhauses, um das Leben noch einmal so richtig zu genießen, geht es jetzt los mit einem bezahlten Auftrag. Sie begleiten auf dem ihnen nun wohl vertrauten Weg über Italien, Griechenland, die Türkei, den Iran und Pakistan nach Indien auf dem sogenannten Hippie-Trail eine Handvoll Motorradfahrer auf Abenteuer-Tripp. Und sie sind in ihrem Fahrzeug nicht mehr zu zweit. Jetzt sind sie zu viert. Fairerweise muss man sagen: zu fünft. Denn der Entlebucher Sennhund Ole ist wie vor drei Jahren wieder mit von der Partie.

Neu dabei sind Theo, knapp zwei Jahre alt, und Hugo, seit rund fünf Monaten auf der Welt. Für Theo wird der neuerliche Aufbruch keine Premiere sein. Ihn brachte das Paar mit von dort, wo der Landweg gen Australien 2010 zu Ende war: aus Goa, Indien. Dort hat Amelie de Boer ihren ersten Sohn in einem Geburtshaus zur Welt gebracht. Hugos Geburtsurkunde dagegen trägt ganz unexotisch sturmerprobt und erdverwachsen Walsrodes Stempel. Gestrandet waren sie einst in Goa, als sie feststellten, dass das Verschiffen des motorisierten Frosches von Indien nach Australien genauso teuer ist wie von Europa aus. Da blieben sie einfach, wo sie waren.

Nun sitzen wir hier zusammen bei Früchtetee aus noch nicht verstauten Beutel-Rest-Beständen, weil die zwei bei aller Entschlossenheit, das sesshaft-starre Leben hinter sich zu lassen, eines niemals lassen können: Telekommunikation auf allen Kanälen. Und deshalb gehört zur Grundausstattung aller Expiditionsmobile auch die tragbare Antenne für den Computer. Amelie wird wie 2009 auch während der jetzt startenden Tour regelmäßig Bericht erstatten in ihrem Reise-Blog im Internet. Weil aber wer in die Weite zieht, dies nicht ohne Wurzeln tun sollte, hat Amelie de Boer seit ihren letzten Tagen in Schulenburg-Nord eine automatische Suchfunktion programmiert: Wann auch immer Schulenburg-Nord im Internet erwähnt wird, landet diese Seite bei Amelie de Boer. Und deshalb findet sie dieses Internet-Tagebuch über das Ende ihres Dorfes auch, noch bevor auch nur ein dafür werbendes Wort schwarz auf weiß in der Zeitung gedruckt steht.

Um zu verstehen, was die Werbekauffrau aus einer selbstausgerufenen Weltstadt im Norden mit dem Dorf zwischen Landesbahnen verbindet, hilft ein Blick – in den Computer. Besser: auf gefühlt zwei Millionen Bilder, die dokumentieren, wieviel Arbeit die zwei in das Haus gesteckt haben. Und wieviel Liebe.

Als Till de Boer 2003 weg will aus Verden an der Aller und im Raum Hannover nach einem netten WG-Zimmer sucht, bekommt er auf seine Anzeige im Internet ein auf den ersten Blick denkwürdiges Angebot: ein Zimmer am Ende der Welt in einem Haus mit 15 Räumen und 17 Bewohnern mitten auf dem platten Land und in Wege-Minuten bemessen gleich neben Hannovers Hauptbahnhof. Das gibt’s?

Nun. Seit 2009 muss man sagen: Das gab’s. Die Villa, einst ehrwürdiger Prestigebau eines Ziegeleigeschäftsführers mit eigenem Hauspersonal, hatte sich Ende der 90-er Jahre zu einer für das restliche Dorf exotisch anmutenden Künstler-Kolonie entwickelt. So richtigen Kontakt zu den Einheimischen jenseits der Kreuzung scheint es nicht gegeben zu haben. Da wohnen „die Studenten“, hieß es dort pauschal.

Studenten hin, Künstler her – sie allesamt eint in jener Zeit mit dem übrigen Dorf die Unsicherheit: Was will der Flughafen, seit vielen Jahren ja schon Vermieter der Villa, in Schulenburg-Nord? Und wie lange wird es das Dorf noch geben? Diese fehlende Planungsmöglichkeit ist nicht jedermanns Sache. Und so vergehen nur wenige Jahre, bis Till de Boer mit seiner zwischenzeitlich nachgezogenen Amelie die Villa schließlich für sich hat.

Der Liebe wegen kommt die Werbefachfrau Amelie von Hamburg in den Norden Hannovers. Der Liebe zu ihrem späteren Ehemann. Und als sie das riesige Haus schließlich für sich haben, krempeln sie es um. Alles, was mit den eigenen Händen (oder davon geführtem Gerät) zu entfernen ist, kommt raus. Unter Lagen von Kunststoff und Teppich treten zu schleifende Dielen zu Tage. Und wo etwas beim besten Willen nicht zu stopfen ist, kommen – wie bei dem Loch in der Flurwand – Holzpaneelen davor.

Was sie dabei finden, ist beileibe nicht automatisch dem Müllcontainer bestimmt. Unter der Wandtapete eines Geschirrschrankes entdecken sie Zeitungsblätter, Erscheinungsjahr 1904. Zu sehen bekomme ich diese Relikte längst untergegangener Tage nicht. Die Papiere liegen sicher verwahrt wie alle ans Herz gewachsenen Fundstücke aus der Villa in einer Garage bei Amelies Vater in Bremen. Doch ich bekomme sie zu hören: Die Anzeigen! Die Anzeigen! Haarwuchsmittel! Frau Müller ist stets zu sprechen, dies in der Bahnhofstraße. Frau Meier hört Ihnen zu. Die Sehnsüchte, die diese Damen einst zu stillen im Stande waren, kann man sich in leuchtenden Farben ausmalen.

Wenn man ein so altes Haus sieht, muss man es sich schön machen. Ein simpler Satz. Aber Till de Boer umschreibt im Grunde damit alles Notwendige, um zu verstehen, warum die zwei weder Dreck noch Mühen scheuen. Belohnt werden sie durch ein wohl unvergleichbar freies Leben. Und wenn Ole dazu etwas sagen könnte, er würde es tun: Bei Familie Pfeif gleich nebenan in Haus Nummer 6 gibt es für ihn Nudeln. Oder auch mal ein Stück Brot. Bei Gerda Pilz in Haus Nummer 2 werden Schmackos serviert, bevor er satt und zufrieden wieder durch sowieso immer offene Zauntüren nach Hause schlappt.

Offen steht in und um die Villa auch alles andere. Im Auto steckt der Wagenschlüssel. Es liegt doch alles so abseits von allem. So abseits, dass es als Wegbeschreibung taugt. Als Amelie, damals noch keine de Boer, das erste Mal nach Schulenburg-Nord kommt, muss sie das Dörfchen suchen. Ihr einziger Tipp klingt so schlicht wie hilfreich: Wenn Du denkst, Du bist vollkommen falsch, bist zu richtig.

Derlei Wegbeschreibungen werden für die zwei noch zum Alltag werden.

Erst in einem Frosch, jetzt mit Captain Blaubär.

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