Die Kleinen gehen, der Große kommt (Teil 17)

Schulenburg-Nord ist ein einzigartiges Dörfchen. Mag sein, dass derlei an dieser Stelle schon öfter zu lesen war. Jetzt folgt noch ein Beweis: Man kann dort in die Zukunft sehen. Das geht ganz einfach. Man muss sich nur nach Osten wenden.

Denn dort, also zwischen Noch-Dorf und Flughafen, steht seit einigen Monaten ein grauer Klotz. Und seit einigen Wochen ist darin sogar Leben. Und seit einigen Tagen gibt es dieses Leben sogar offiziell: Am 30. November 2012 feiert der Express-Dienstleiter TNT in seinem neuen Zuhause seine Einweihungsfeier.

Und genau so soll das in Zukunft auch dort aussehen, wo in diesen Tagen der eine oder andere Bewohner regelmäßig nach dem Gedeihen seines Neubaus guckt und sich in Gedanken verabschiedet vom Leben zwischen den Landebahnen. So soll es – wenn es nach dem Willen der Flughafen-Gesellschaft geht. Wann genau dies so sein wird, steht derzeit allerdings wohl in ein wenig weiter entlegenen Sternen. Denn die Langenhagener Kommunalpolitik zeigt sich gegen Ende dieses Jahres etwas übellaunig. Überall Logistik! Wohin soll das führen? Oder besser: über welche Straßen sollen all diese Lastwagen fahren?

Ein neuer großer Nachbar, der Schulenburg-Nord vielleicht den einen oder anderen neuen Besucher bringt.

Im Grunde ist man sich zwar einig. Und dies auch schon seit zwanzig Jahren. Wenn Langenhagen Gewerbe entwickeln will, dann geht das im großen Stil eben nur zwischen den Landebahnen. Doch 40 Wagen westwärts mag Western-Liebhabern heimelige Gefühle heraufbeschwören. Im Langenhagener Rat ist mit den Visionen von endlosen LKW-Schlangen kein Durchmarsch durchs nächste Bauleitverfahren garantiert.

Der Flughafen mag sich das anders wünschen. Doch gänzlich ungewohnt ist derlei Gebaren für die Manager nicht. Mit dem Bebauungsplan für TNT, dem berüchtigten B-Plan 712, der das Leben des Noch-Dorfes plötzlich aus dem gemütlichen Trott warf, war es ja nicht anders. Fünf Jahre zogen sich zwischen der ersten Idee eines Neubaus und dessen Eröffnung Ende November 2012. Fünf Jahre Überzeugungsarbeit in Langenhagen – allerdings auch in Troisdorf und Amsterdam. Denn dort sitzen jene, die über TNT zu entscheiden haben. Mal hieß es hier ja, mal da nein, und wenn man dort ja sagte, waren die anderen gerade verschnupft. Timing gerät da zur Kunst.

Fast auf den Tag genau zwei Jahre vor dem Umzug TNTs vom Langenhagener Rehkamp, an dem man 1996 erstmals eine Hauptumschlagsbasis (Hub) eröffnete, an die jetzige Heinz-Peter-Piper-Straße musste Langenhagens Bürgermeister Friedhelm Fischer noch ein ganz eindeutiges Nein vernehmen. Die Konzernzentrale in Amsterdam investiere lieber in Asien. Ganz egal, ob der Rehkamp aus allen Nähten platze oder nicht.

Ein Jahr später, wieder im Herbst, hieß es dann: Klar. Natürlich. Wir bauen. Wenn Ihr einen B-Plan habt … Hatte Langenhagen damals leider nicht. Jedenfalls noch nicht so ganz. Und so gelang der Verbleib des Arbeitgebers förmlich in letzter Minute. So richtig gesund war das für die zu oberst Handelnden nicht. Auf keiner Seite.

In Schulenburg-Nord mag man dieses Hin und Her mit einem gewissen nachbarschaftlichen Interesse verfolgt haben. Mehr aber auch nicht. Welche Konsequenzen der endgültige Segen des Langenhagener Rates für das Dorf selbst haben würde, war ihnen wahrscheinlich nicht wirklich bewusst. Man mag davon ausgehen: Auch nicht jeder Kommunalpolitiker wird sich dessen gewahr gewesen sein: Dass ein solches Road Transit Hub (so der offizielle Titel), also eine Road Transit Hauptumschlagsbasis, okay: eine für auf Straßen ein Gebiet zur durchquerende Hauptumschlagsbasis … Dass also eine Halle, in die Lastwagen Pakete bringen, damit andere Lastwagen dieselben Pakete wieder woanders hinbringen und das vornehmlich auf Straßen, dass die Lärm verursachen kann. Und dass die Menschen direkt neben solchen Hallen und Straßen vor diesem Lärm geschützt werden müssen. Oder eben wegziehen sollten. Kurz um: Dass nach jahrelangem Schritttempo die Flughafen-Oberen nun in einen Eilschritt verfallen würden. Im Herbst hielten Rat und TNT ihren gültigen Bebauungsplan in der Hand und im Dezember die Mieter Schulenburg-Nords ihre Kündigung.

Anfang 2012 war dies auch auf dem platten Land nicht mehr zu übersehen. Die Erdscholle zwischen dem Tower und dem Dorf wurde bei eisigen Temperaturen mit schwerem Gerät aufgebrochen. Bauunternehmen nahmen Eroberern gleich ihr neu erworbenes Terrotorium ein: ein Containerdorf entstand samt Flaggenpark. Die kleine Straße, auf der bislang Mitarbeiter und Besucher ihren Tower erreichten, wandelte sich zu einem bizarren Friedhof: Bäume, Sträucher, Geäst lagerten dort, gefällt, gerodet und stimmungsrecht überzogen von einer beißend-kalten Reifschicht. Bis die Straße schließlich ganz verschwand: Das Areal des Bebauungsplans legte sich zu beiden Seiten mit insgesamt gut 70 000 Quadratmetern satt über sie. Den Tower erreicht man heute nur noch über den Flughafen. Ein Umstand, den die Pendler aus Westen eher bedauern.

Ein paar Wochen lang sah es so aus, als wehrte sich das Dorf im Grunde gegen den Bau. Dies aber ist durchaus buchstäblich zu verstehen. Doch wer auf einer Tonschicht baut, und das wissen alle im Dorf, deren Eltern und Großeltern seinerzeit auf einen Keller nicht verzichten wollten, der muss vor allem mit einem rechnen: Wasser, das von oben kommt, bleibt, wo es landet. Es kann halt nirgends sonst hin. Die Baustelle soff förmlich ab. Das hat nun keinen wirklich überrascht. Gegen das Wasser gab es Kalk – und damit ein wenig Ärger.

Denn wenn ein Flughafen unter anderem dafür bekannt ist, dass 70 Prozent seiner Flieger bei Westwind starten und landen, dann heißt das in Schulenburg-Nord: Der Wind weht den Kalk weg vom Dorf – und verteilt ihn dafür lieber feinsäuberlich auf den Autos zu Füßen des Towers der Deutschen Flugsicherung. Wobei feinsäuberlich in diesem Zusammenhang sicherlich eine bizarre Wortwahl ist. Sei’s drum: Der Flughafen bezahlte schließlich eine Spezialreinigung der Fahrzeuge. Auf weiterhin gute Nachbarschaft!

Tja, und dann ging TNT auf Tauchstation. Das hat weniger mit den Bodenverhältnissen zu tun, als vielmehr mit der Nachricht, die im Frühjahr in Amsterdam einschlug und bis nach Schulenburg-Nord nachzuspüren war: Der Mitbewerber UPS kauft TNT.

Und jetzt? Nun muss man wissen, dass UPS zu Rehkamp-Zeiten direkter Nachbar von TNT war. Was passiert denn dann nun mit dem Neubau? Bauen die überhaupt? Baut UPS? Es gab darauf – keine Antwort. Die Presseabteilung von TNT wurde von oberster Stelle eingeschworen, nichts mehr zu sagen, was nicht in Amsterdam abgesegnet werden kann. Erdarbeiten? Ja, gibt es. Schon mal ein Fortschritt: Bestreiten wollte das niemand. Und wann passiert dann was? Stille. Bautermine. Ganz große Stille. Investitionskosten? So muss Schweben im Weltall sein: nicht ein einziger Ton. Sogar der erste symbolische Spatenstich, den sich sonst kein Unternehmen werbetechnisch nehmen lässt, wurde im ganz, ganz kleinen Kreis gefeiert. Die Noch-Dörfer wurden Augenzeuge. Als ungeladene Zaungäste.

Inzwischen ist das alles vergessen. Die kartellrechtlichen Mühlen in Brüssel mahlen weiterhin gemächlich vor sich hin. Die Übernahme ist bis in diese Novembertage nicht besiegelt. Der Neubau konnte also davon weitgehend ungestört unterhalb des Radars der globalgalaktischen Unternehmenspolitik wachsen und gedeihen. Dies nicht nur zur Erleichterung der Flughafen-Gesellschaft und der Langenhagener Stadtspitze. Auch für die von den Übernahme-Nachrichten zweifellos verunsicherten Mitarbeiter geriet der gelungene Neubau zu weit mehr als einem Umzug aus der engen Dunkelheit des Rehkampgebäudes in einen hellen modernen Neubau. Als Motivationshilfe war er in den heißen Tagen unbezahlbar.

Der Umzug ist inzwischen auch vollbracht. Innerhalb eines Wochenendes hat der Paketdienst seine weit mehr als sieben Sachen ein- und wieder ausgepackt. Verloren ging dabei wohl nichts. Nur drei Kühlschränke für die neuen Tee-Küchen trübten die Bilanz. Die hatte der Lieferant wohl vergessen.

Und wenn dann ein wenig Zeit bleibt, Luft zu holen und womöglich den Blick über den Kalender- und den Geländerand hinweg zu heben. Dann fällt auch den Paket-Transit-Dienstlern auf, wer da ihre neuen Nachbarn sind. Mindestens einer im Werk hatte da bereits sein ganz persönliches Aha-Erlebnis. Zu persönlich, um es niedergeschrieben zu sehen. Aber soviel ist sicher: Schulenburg-Nord hat mit seinem großen Nachbarn auch ein paar neue Besucher gewonnen.

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