Menschen, Titel, Sensationen (Teil 18)

Es gibt Titel, die sind Gold wert. Es gibt solche, die sind einfach nur kurios. Und es gibt Orte, die ziehen sie allesamt an. Orte, Personen, Vereine – man kann einfach auch sagen: der NJK, der Staat im Staate Schulenburg-Nord. Als wäre dieses Dorf zwischen den Bahnen nicht schon bemerkenswert genug.

Wenn es Klaus-Dieter Freimann kalt sein sollte in diesen ersten eisigen Dezembertagen 2012, dann könnte er nach oben gucken. Denn dann wüsste er sofort, hinge über seinem Kopf nicht diese Gewächshausplane – es wäre ihm noch kälter. Sehen kann Freimann diese eher an einen Bett-Baldachin erinnernde Plane allerdings nur, wenn er in einer Halle steht, die wahrlich für Experimentelles gebaut wurde, doch ganz bestimmt nicht für Utensilien für das Gedeihen von Blumen.

Klaus-Dieter Freimann steht dann in einer sogenannten Verdichterhalle. Einer Halle, einst bestimmt als Obdach für das Verdichten von Kokereigas, damit es fortan unter der Erde auf kalte Wintertage warten kann. Wintertage noch kälter als gerade jetzt.

Klaus-Dieter Freimann, seit 1990 Präsident des Niedersächsischen Jagdklubs, weiß sein kurioses Geschenk zu schätzen – buchstäblich.

In dieser Halle wird schon seit Jahren kein Gas mehr verdichtet. Schon eher verbraucht, und das in rauen Mengen. In der Halle bar jeder Isolierung trainieren Bogenschützen. Und damit ihnen im Winter nicht die Finger vor Kälte abfallen, hat der gastgebende Verein eine Plane auf halber Hallenhöhe eingezogen. Eine Plane, eigentlich gedacht, damit es zarte Pflänzlein schön mollig warm haben. Unter der Plane sprießt jetzt nichts mehr – sieht man mal ab von den Heiz-Pilzen, die zusätzlich fest installiert worden sind.

Und all das zusammen, so könnte man meinen, mahnt Klaus-Dieter Freimann eines jeden kalten Tages, Geschenke zuweilen doch genauer unter die Lupe zu nehmen, bevor man sie freudestrahlend sein Eigen nennt.

Denn zu den ungezählten Meisterschaftstiteln, die der Niedersächsische Jagdklub – kurz NJK – in den vergangenen Jahrzehnten hat sammeln dürfen, gehört auch ein Superlativ, der sich nicht in Gold aufwiegen lässt: das wohl kurioseste Präsent der niedersächsischen Schützengeschichte. Flughafen-Manager Michael Hesse nennt es mit einem leichten Stirnrunzeln jedoch ganz anders: das größte Immobilien-Mysterium seiner beruflichen Laufbahn am Flughafen.

Die Verdichterhalle gehörte einst der Ruhrgas AG. Sie eröffnete 1953 Europas ersten (noch so ein Titel) Untertagespeicher in Schulenburg-Nord und damit ihr „größtes und kühnstes Nachkriegsexperiment“. Vergleichbares gab es in jenen Tagen nur in den USA, ein ähnliches Testgelände nahe Paris. In der überregionalen Presse wird der Dorfname seinerzeit nirgends erwähnt. Die Kollegen schreiben von Engelbostel, zwölf Kilometer nordwestlich Hannovers, von Kühen auf der Weide, von Landwirten, die ihren Acker bestellen. Aber auch von dem „entscheidenden Wendepunkt für die deutsche Gaswirtschaft“. Gerade einmal sechs Millionen Kubikmeter Gas können in jenen Tagen in Gasbehältern auf deutschem Boden gespeichert werden. Allein die poröse Sandsteinschicht, unter Schulenburg-Nord eingebettet zwischen zwei wasser- und gasundurchlässigen Tonschichten, sollte einhundert Millionen Kubikmeter fassen können und damit die Wirtschaftlichkeit der Gasversorgung elementar verbessern. Statt 33 DM pro Kubikmeter in einem Gasometer seien künftig Kosten von 0,50 DM im Gespräch.

Es sollte letztlich nicht so kommen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Was bleibt nach fünfzig Jahren der Versuche, ist eine Industrieruine: eine Verdichterhalle mit Fundamenten darunter, groß wie Einfamilienhäuser – und das Ganze erbaut nach den Regeln des Bergrechtes. Wichtiger: Was nach Bergrecht gebaut ist, muss nach Bergrecht entsorgt werden. Und damit hatte die Ruhrgas AG rund um die Jahrtausendwende ein Problem – ein sechsstelliges Euro-Problem. Bergrecht musste sein, da die Ruhrgas seinerzeit im Außenbereich bauen wollte. Von der Ausweisung eines Gewerbegebiets zwar zwischen Flughafen und Engelbostel keine Rede. Erlaubt waren dort nur Forst, Viehzucht oder Energiewirtschaft.

Wer eine solche Anlage aufgibt, muss sie laut Bergrecht dem Erdboden gleich zurückbauen. Doch was wäre damit gewonnen? Ein renaturierter Acker mit einem Bodenrichtwert von zwei bis drei Euro und damit ein Gesamterlös von rund 60 000 Euro. Die Rückbaukosten, so heißt es, wären leicht doppelt so hoch geraten.

Was damals genau geschah, ist umstritten. Es gibt zwei Versionen. Sie gleichen sich nur bis zu einem Punkt: Der Flughafen und die Ruhrgas AG haben nach der Aufgabe des Speicherbetriebes über den Verkauf des Geländes gesprochen. Doch wie lange und wie intensiv … Nun ja. Flughafen-Prokurist Hesse kann es sich jedenfalls überhaupt nicht erklären, warum die Ruhrgas AG seiner Firma das Gelände samt Entsorgungsverpflichtung nicht verkauft hat. Der seinerzeit verantwortliche Michael Kurz auf Seiten der Ruhrgas AG jedoch kann sich ebenfalls etwas nicht erklären: Wenn der Flughafen Interesse gehabt hätte, so sagt er knapp zehn Jahre später, na, dann hätte man es natürlich verkauft. Nur an das Interesse des Flughafens, daran kann er sich nun beim besten Willen nicht erinnern. Dabei bemüht er sich hörbar. Etwas zu verschenken, dass ein anderer kaufen will … Wer, bitte, sei denn so blöd?

Und so bekam Klaus-Dieter Freimann, seit 1990 Präsident des NJK, vor gut zehn Jahren die wohl denkwürdigste Frage seiner Vereinslaufbahn: Ob sein Klub denn die ganze Anlage nicht einfach geschenkt haben möchte?! Die Ruhrgas AG wäre die Anlage los und der Verein um eine Sportstätte reicher. Damals, so Kurz, für beide die richtige Entscheidung.

Beheimatet war der NJK bislang gleich nebenan: In den Häusern eines Hühnerzüchters, gelegen zwischen der Ruhrgas-Anlage und einer Tonkuhle, entstanden Jahrzehnte zuvor während des Tonabbaus für die Ziegelei Kohlmeier. Bloglesern wird dieses Domizil bekannt sein: Es ist das Refugium von Horst Krause, viele Jahre Vize-Präsident des NJK und als solches lange Jahre Hausmeister und auch sonst Mann für alle gesellschaftlichen Belange des NJK. (Blog-Teile 4 und 5)

Sportlich war der NJK, 1965 nach einem Streit aus dem Hannoverschen Jagdklub hervorgegangen, in Schulenburg-Nord schon seit längerem aktiv. Doch geschossen wurde bis dato in einem „besseren Hühnerstall“, so Freimann, nachdem der Klub die Räumlichkeiten in Wülfel endgültig hinter sich gelassen hatte. Aufs Land gezogen war der NJK unter der Regie seines Gründungspräsidenten Fritz Harenberg, seinerzeit erster Pächter des Flughafen-Restaurants.

Zunächst war der NJK in Schulenburg-Nord nur ein gesellschaftliches Ereignis. Für die Dörfler ob seines elitären Auftretens zuweilen eher ein Ärgernis. Man fühlte sich geradezu geduldet von den in noblen Autos anreisenden Jägern und Politikern. Wer aber etwas gelten wollte in der Landeshauptstadt (oder wichtiger: etwas werden wollte), musste sich in den Zirkeln des NJK blicken lassen. Freimann, selbst Anwalt, kennt diese Stimmung aus seinen beruflichen Anfängen. Als Karriere-Netzwerk sei der Klub bis vor einigen Jahren wohl nur mit Jagdeinladungen, Mandaten oder Aufträgen aufzuwiegen gewesen.

Bis 2005 ging das so, ablesbar am mit der Landesjägerschaft im hannoverschen Kuppelsaal zelebrierten Hubertusball. Doch 120 000 Euro Kosten bei immer schwieriger an Mann und Frau zu bringenden Eintrittskarten wurden selbst dem NJK letztlich zuviel. Überhaupt verschoben sich die Gewichte. Die Abteilung der Bogenschützen, 1995 gegründet, überwiegt heute das sportliche Geschehen. Galt die Einladung ins Revier mit Ansitz auf einen kapitalen Bock früher zu den Höhepunkten des NJK-Lebens, sehen sich die Jäger heute mit rund 30 Prozent der Mitglieder satten 70 Prozent Schützen gegenüber. Ein Umstand, der auch Horst Krause vor einigen Jahren zum endgültigen Abschied aus seiner Zweitfamilie bewegte. Heute geht es beim NJK um Deutsche Meisterschaften, um die Aufnahme in einen Olympia-Kader, aber, wie Freimann betont, auch um die Nachwuchsförderung. Und der komme durchaus aus den umliegenden Dörfern zwischen Langenhagen und Garbsen.

In die Umbruchphase des Vereins zu Beginn der Nuller-Jahre fiel auch die Entscheidung der Ruhrgas AG, sich von den Gelände zu trennen. Ein eher rustikaler Holzschlüssel über der Flurtür neben der Theke des Vereinslokals nennt noch heute den 23. Juni 2001 als den Tag, an dem das Essener Energieunternehmen eine Sorge und eine Adresse in Schulenburg-Nord los wurde.

Sportlich betrachtet war dieses Geschenk für den NJK ein Segen – in allen anderen Belangen eine Herausforderung. Die Schießstände hatten endlich ein genügend großes Obdach. Der Pachtvertrag für das benachbarte Gelände an der Tonkuhle würde ohnehin auslaufen in absehbarer Zeit.

Doch eine Industrieruine ist kein Blumenstrauß. Allein die Plane in der Verdichterhalle hat den Verein 40 000 Euro gekostet. Wenn der Wind ungünstig steht, drückt er den Regen durch die Einfachverglasung des Bürotraktes. Aufgerollte Handtücher entlang der Wände auf dem Boden gehören zur Standarddekoration, um die Sportler trockenen Fußes von den Umkleiden in den ehemaligen Büros zu den Schießständen kommen zu lassen. Die Kosten für die Befeuerung der Heizpilze schlägt überdeutlich zu Buche. Zuschüsse aus Langenhagens Stadtkasse wurden bislang im Rathaus verneint. Dafür muss es Gründe geben, sagt Freimann. Ganz zu verstehen scheint er sie nicht.

Und deshalb ist Freimann nicht ganz unglücklich, dass Michael Hesse nicht nur den mysteriösen Übergang des Geländes an den NJK nicht vergessen kann. Sondern dass er auch das Interesse an den Areal nicht verloren hat, Bergrecht hin oder her. Wenn der Flughafen also auch für seinen Verein eine Alternative finden würde, vergleichbar groß und vergleichbar verkehrlich günstig angeschlossen, dann würde auch Freimann im Namen seines Klubs ganz gerne am Verhandlungstisch Platz nehmen.

Nicht nur, aber wahrscheinlich besonders gern, wenn es kalt ist.

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