Alt und grau – Ja. Schusselig? Nie! (Teil 20)

Eine Küche in Schulenburg-Süd. Eine Herdplatte leuchtet unter Glaskeramik glühend rot. Kein Topf zu sehen. Ein kurzer Anflug von Panik: Frau Kuss?! Der Herd! Die Antwort: Eine ärgerliche Stirnfalte, zwei in die Hüfte gestemmte Fäuste. Ja! Kaputt ist sie! Der Monteur kommt am Freitag! Anna Kuss mag 87 Jahre alt sein. Auch das Herz könnte fitter sein. Aber schusselig? Bitte! Das ist sie wahrlich nicht. Das hat ihr der Vater nämlich verboten. Thema durch, Herd aus.

Anna Kuss wird am 2. November 1925 im Pferdekopfhaus in Schulenburg-Nord geboren. Ein Haus, einst Stall und Remise für die Pferdefuhrwerke der Ziegelei Stephanus. Des Geschäftsführers Villa ist gleich nebenan. Annas Vater Heinrich, Jahrgang 1897, arbeitet dort als Gärtner. Die Familie hat ihr Auskommen mit dem Einkommen. Reich, das sind die anderen.

Eine unauffällige Wiese in Schulenburg-Nord: für Anna Kuss (auf dem Bild über ihrem rechten Daumen) ist es die Rückkehr zu ihrem Elternhaus.

Ende der 20-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts geht es im Nordwesten Hannovers zu Ende mit dem Tonabbau, die Ziegeleien melden nach und nach Konkurs an. Und weil Stephanus ihrem Geschäftsführer offenbar reichlich Lohn schuldet, übertragt die Firma ihm einfach das Land entlang der Dorfstraße. Er darf es veräußern. In Portionen von jeweils zwei Morgen. Nicht mehr für jeden, nicht weniger.

Heinrich Wilke und seine Frau Anna greifen zu. Und das müssen sie reichlich. Der Grund und Boden auf dem Streifen westlich der Dorfstraße steht voll von Baumwurzeln längst in den Ziegeleien verheizter Bäume. Ohne Gerät, nur mit eigener Hände Arbeit macht sich das Paar das Land urbar. 1928 bauen sie ihr Haus, es wird später die Nummer 38 tragen, 1929 folgt der Umzug. Anna ist zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt, ihre große Schwester Grethe vier Jahre älter. Es gibt nicht viele Kinder in diesem kleinen Dorf. Die zwei haben einander. So eng, dass Anna bitter weinen wird, als Grethe zu ihrer Hochzeit zum ersten Mal ein Kleid anhat, für das Anna nicht auch ein Pendant erhält.

Acht Jahre teilt Anna Kuss die Schulbank mit Gerda Münkel, Nachbarstochter in Schulenburg-Nord im Haus 36. Und wie es scheint, waren es wohl Jahre geprägt von wahrlich unterschiedlichen Temperamenten. Verändert hat sich das nicht. Wenn die zwei 87-jährigen Damen sich heute im trauter Runde montags bei der Arbeiterwohlfahrt zum Spielen treffen, streben sie unterschiedlichen Tischen zu. Kuss liebt Rommé, Canasta, Uno. Kartenspiele mit Tempo. Das Programm am Nachbartisch ist ihr – nun – zu langweilig.

An das Geburtshaus der zwei Schwestern erinnert heute nur noch ein gemauerter Brunnen gleich neben der einzigen Kreuzung des Dorfes. Vom Pferdekopfhaus ist schon seit Jahren nichts mehr zu sehen. Von der Villa auch nicht. Und seit einem Jahr grünt im Schatten der altehrwürdigen Eichen kein Gras, kein Strauch. Auch vom später selbst gebauten Haus am nördlichen Ende der Dorfstraße ist nichts mehr zu entdecken. Es war 1991 das erste Haus in Schulenburg-Nord, das abgerissen wurde. Gerda Münkels Elternhaus gleich daneben steht noch. Es fällt im kommenden Sommer.

Wenn sich die Flugzeugspotter auf dem Wendehammer an der Nordbahn einmal gen Süden drehen würden, so hätten sie bis vor einem guten Jahr noch ihren Blick auf dem Wilke-Grund auf ein urwaldähnlich verwachsenes Stück Land richten können. Heute ist es eine unauffällige Weide. Für Anna Kuss ist es Heimat. Und wenn sie vor dieser Wiese steht, weiß sie genau zu benennen, wo welcher Strauch, wo welcher Acker einst die Familie mit welcher Frucht ernährte.

Heinrich Wilke hat wenig Geld, als er 1928 sich und seiner Familie eine Existenz aufbauen soll. Ein Blumenhandel scheidet für den Gärtner deshalb aus. Gewächshaus! Pah! Kostet viel zu viel. Es wird gepflanzt, was wenig kostet und gut verkauft werden kann. Möhren. Gemüse halt. Erdbeeren. Jede Menge.

Für Anna und Grethe heißt das: Karl der Große zählt nicht. Das folgende Ungenügend im Aufsatz allerdings auch nicht. Des Sommers fliegt der Tornister nach dem Schulbesuch im fernen Schulenburg jenseits des Krähenbergs mit einem Schwung in die Ecke, und dann geht es ab hinaus aufs Feld. Als die kleine Anni eines Tages dann doch um Hilfe bittet beim Lernen für den Geschichtsaufsatz, da gibt der Vater die Richtung vor: Karl der Große hilft nicht weiter im Leben – wie man Rosen veredelt allerdings. Und so geht es mit Bastschnüren um den Hals und Wachs in der Hand auf Vaters Fuß hinaus in den Garten.

Die Schwestern sind Backfische, vielleicht mal gerade so eben erwachsen, als der Krieg ausbricht. Und sie lernen ihre Eltern noch einmal ganz anders kennen. Dass Mutter Anna ein resolutes Regiment im Hause zu führen weiß, haben die Mädels schon allzu oft am eigenen Leib erlebt. Manchmal kommt die Ohrfeige noch vor dem Hinweis auf die nicht akkurat gemachten Betten. Doch als später die Fremden kommen. Erst einquartierte Soldaten, später Flüchtlinge. Da erleben sie ihre Mutter auch ganz anders, konsequent streng, aber voller Güte. Der Rahm von der gemolkenen Milch wird abgeschöpft und über das Obst gegossen, das Muttern heimlich den Flüchtlingskindern gibt. Was zählt schon die Punktzahl für die Milchbewertung, wenn es gilt, Tuberkulose zu verhindern. Was zählt, ist das Leben. Anna Wilke, Jahrgang 1897, ist das jüngste von neun Kindern – sie ist zehn Jahre alt, als sie ihre Eltern verliert.

Zum Hof Wilke gehört ein Stall, darin Schweine und einige wenige Kühe. Im Dachgeschoss lagert Landwirt Wilke Heu und Stroh. Anna Kuss erlernt nach der Schule keinen Beruf. Ihr Beruf, mehr eine Berufung, ist die Hilfe im elterlichen Betrieb. Wenn Anna Kuss heute das Dorf ihrer Kindheit und Jugend beschreibt, dann erzählt sie von Häusern, edel im Stil und sorgfältig gepflegt. Die Vorplätze sind bepflanzt. Die Nachbarn haken morgens die Wege, bevor sie zu Arbeit fahren. Die Dorfstraße ist schließlich eine beliebte Strecke für Wochenendtouristen. Und zu Pfingsten kommen die Radler aus Hannover. Für sie muss das Dorf herausgeputzt sein.

Im September 1943 erlebt Schulenburg-Nord seinen schwersten Bombenangriff. Tochter Anni, 17 Jahre jung, ist an diesem Abend mit Freunden in Schulenburg in dem zum Kino umgebauten Saal über dem Transformatorenhaus. Die Vorführung eines Filmes über Rembrandt wird abgebrochen beim der Ertönen der Sirenen. Anna Kuss versucht mit den Freunden auf dem Rad nach Hause zu kommen. Auf der Hälfte des Weges sind jedoch bereits die Leuchtschweife am Himmel zu sehen sowie das Brummen der Flugzeuge zu hören. Anna Kuss schmeißt ihr Rad weg und versucht die Eltern im Haus zu wecken. Ihr zu Hilfe kommen die Soldaten, die 50 Meter neben dem Haus in einer Wiese eine Flakstellung halten. Dass sie in dieser Nacht auf eine Abwehr der Bomber verzichten, rettet das Leben der Familie Wilke und einen Teil des Hauses – und wahrscheinlich auch die Existenz der übrigen Häuser. Das Abwehrfeuer hätte die Bomber, mutmaßt Anna Kuss, erstrecht auf diese Außensiedlung aufmerksam gemacht. Die Soldaten ihrerseits riskieren das Kriegsgericht.

Eine Brandbombe ist genau in einen der Schornsteine gefallen und hat bei ihrer Detonation einen Teil des Hauses weggerissen. Dabei hat die Familie noch Glück. Die Luftmine, die keine 50 Meter hinter dem Haus landet, entlädt ihre tödliche Fracht nicht in ihre Richtung. Das Wäldchen hinter dem Haus jedoch fegt die Explosion hinweg. In Wilkes Haus bleiben durch die Betondecke zwei der hinteren Räume vom Feuer auf dem Dachboden verschont. Es ist Erntezeit und die Scheune und der Boden voller Heu und Stroh. Die beiden unversehrten Zimmer bleiben die einzigen für die ganze Familie bis 1947. Erst in jener Zeit wird das Notdach fertig. Doch die Familie ist gewachsen. Grethe hat geheiratet. Seit 1941 ist ihr Sohn auf der Welt. Und 1946 heiratet Anna ihren Albert Kuss. Sie räumen sich eines der Schlafzimmer frei.

Es wird 1952 werden, bis das Haus aus den Grundmauern der Ruine wieder vollständig aufgebaut ist: mit Steinen aus den zerbombten Kasernen des Flughafens. Um diese haben sich die Eltern Wilke beworben. Anna Kuss hat nichts retten können von ihrem Hab und Gut. Nur ein einziges Paar Schuhe bleibt ihr. Und dies, obwohl ihre überaus ordnungsliebende Mutter alle sonst in einem eigenen Schrank akkurat aufbewahrten Schuhe herausgeholt hat. Doch sie werden bei dem Angriff allesamt verschüttet.

Der Krieg nimmt Anna Kuss noch etwas. Ihre Schwester. Es ist der Winter 1944. Grethe hat einen kleinen Sohn. Dessen Blinddarmoperation ist nicht gelungen. Ein neuer Krankenhausaufenthalt wird lebenswichtig. Die Bilder in Anna Kuss‘ Kopf sind atemraubend. Ein Zimmer im Schutt. Zehn kranke Kinder darin. Sobald Mutter Grethe das Zimmer betritt, schreit der Sohn unaufhörlich. Also macht sich Anna täglich mit dem Rad auf den Weg nach Hannover. Essen bringen für das Kind. Im Krankenhaus reicht es in den Kriegstagen nur für eine Mahlzeit pro Kind, pro Tag.

Die Scharlach- und Diphtherie-Erreger in den Trümmern des Krankenhauses sind übermächtig. Anna erkrankt. Am Tag nach Heiligabend nimmt sie ein Fuhrunternehmer in seinem Lastwagen mit ins Krankenhaus. Und wenige Tage später erscheint dort Grethe. Sie will ihre Schwester pflegen. Wenn Anna Kuss 68 Jahre später erzählt von dem Schrecken, ihre Schwester im Krankenhaus zu entdecken, ist ihrem Grauen nicht zu entkommen. Auch nicht auf einer nüchternen Kücheneckbank in Schulenburg-Süd.

Grethe steckt sich an. Ende Januar ist Anna wieder zuhause. Grethe wird beerdigt.

Das letzte, was Anna über ihre Schwester erzählen kann, sind die Stunden ihres Wartens in einem eisigen Krankenwagen mit drei weiteren Patientinnen. Der Wagen steht auf dem Hof Meier in Langenhagen. Dort, wo heute im City Center Tausende ihre Weihnachtseinkäufe erledigen. Der Wagen wartet – worauf? Vielleicht auf weitere Erkrankte? Anna Kuss weiß es nicht. Überlebt hat die Fahrt ins Krankenhaus nach Celle keine der Frauen.

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