Von Bloggern und anderen 90-Jährigen (Teil 23)

Ein Blog geht im Internet auf die Reise. Rückt aus dem Ausschluss der Öffentlichkeit gemächlich ins Licht. Und siehe da: der erste Kommentar stellt sich ein. Der Absender erhält eine freundliche Bitte um Rückruf. Wochenlang ruhen See und Telefonhörer still. Dann endlich. Kontakt! – Und alle klug ausgeheckte Theorie zur Zielgruppe digitaler Angebote implodiert beim letzten Satz des Gesprächs: „Ich bin übrigens 91.“

Nein, nicht ’91 geboren. 91 Jahre alt. Wilhelm Moorhoff heißt der Gute, der sich zunächst einmal dafür entschuldigt, dass er mich so lange hat warten lassen. Doch die Großkusine, die einst tatsächlich im Pferdekopfhaus in Schulenburg-Nord ihre Kindheit verbracht hat, die musste halt erst ausfindig gemacht werden. Man will ja schließlich nicht irgendwas erzählen.

Renate und Wilhelm Moorhoff haben die rumpelnden Eisenbeschläge der Fuhrwerke noch im Ohr – und lieferten diesem Blog seinen ersten Kommentar.

Wilhelm Moorhoff hat viel zu erzählen. Er wohnt mit seiner Renate (’26 – und das ist diesmal der Jahrgang) in Engelbostel, also gleich im Dorf nebenan. Er wohnt dort schon viele Jahre: 2013 werden es 92 sein. Und damit ist er der derzeit älteste gebürtige Engelbosteler. Nun ist der rüstige Herr alter Schule sicherlich nicht als Digital-Native zu verbuchen. Doch seit seinem 80. Geburtstag sei die Briefe-Schreiberei für Augen und Finger ihm einfach zu mühsam geworden. Und so beauftragte er seinen Sohn, einen Computer zu beschaffen und ihm, dem Vater, die höheren Weihen dieses Werkzeugs zu verleihen. Und so liest Moorhoff eben auch, was das Netz ihm anbietet – und kommentiert, wenn er etwas dazu zu sagen hat.

In Schulenburg-Nord gewohnt hat er nie. Aber durchradelt hat er es. Auf dem Weg zur Hasenheide, zum dortigen Freibad am Hotel Aquarium. Es gab doch nichts anderes in der Gegend, was mit dem Fahrrad zu erreichen wäre. Flieger nach Mallorca? Autos? Na, also bitte!

Sein Onkel Heinrich Deiters, so erinnert sich Wilhelm Moorhoff an einem sonnigen Wintervormittag am Familien-Esstisch, habe aus der einstigen Remise des Ziegelei-Geschäftsführers nach der Pleite ein Wohnhaus gemacht. Es ist die Geburtsstunde des Pferdekopfhauses, später Wohnhaus für so viele Namen, die noch Jahrzehnte dem Dorfleben dieses und jenes Gesicht geben.

Schulenburg-Nord heißt in jener Zeit noch gar nicht Schulenburg-Nord. Gemeinhin fährt man eben hoch nach Kananohe. Die Siedlung bekommt ihren heutigen Namen erst mit dem Bau der Landebahnen. Sie ist in jener Zeit das Dorf, aus dem die steinebeladenen Fuhrwerke kommen, die auf ihrem Weg nach Hannover mit ihren eisenbeschlagenen Rädern durch Engelbostel rumpeln. Es ist das Dorf, durch das aber auch die Gespanne kommen mit dem Sand vom Stelinger Berg. Von Berenbostel bis Vinnhorst, sagt Moorhoff, war doch alles Tonboden und damit Ziegeleigebiet. Kein Teich, keine Grube in dieser Gegend, die nicht dem Tonabbau geschuldet sei.

Kein Boden für Landwirte jedenfalls. Lehm. Auf dem verhungern doch die Kühe. Da wurde jeder Acker beäugt, auf dem mehr wuchs als beim Bauern nebenan. Und warum auch immer: Auf den Schulenburger Wiesen gedieh immer ein Schlag mehr als auf jenen der Engelbosteler. Sagen die Engelbosteler. Eine Fehde, die bis heute schwingt. Damals, so erzählt Moorhoff lachend, da galt die Mär, die Schulenburger hätten im Dreißigjährigen Krieg die Kasse desselben bei sich vergraben. Anders sei der Reichtum einen Steinwurf weiter östlich kaum erklärbar. Heute geht es nicht mehr um Kriegskassen. Aber dass das hölzerne Ortsschild Engelbostels streng genommen auf Schulenburger Gebiet aufgestellt wurde, erfahren auch Ortsfremde nicht frei eines gewissen Untertons und verdächtigerweise ziemlich schnell.

Der Flughafen war im Hause Moorhoff eigentlich nie ein großes Thema. Er war halt da. Und er wuchs halt. Moorhoff ist da ganz Mann der Tat. Gelernter Maurer, Neckermann hat er in Hannover errichtet, das eine oder andere Wasserwerk in der Gegend. Und immer mit einer großen Portion Mitleid für die „Lehmkuhlenmonteure“, also jene, die im Tiefbau unterwegs sein mussten. Deshalb hat er auch keinen Widerstand wahrgenommen gegen die Ambitionen des großen Nachbarn im Osten. Arbeiten mussten die Leute doch. Und ganz andere Sorgen hatten sie. Moorhoff, so erzählt er, hat die Hälfte seiner Generation im Krieg zurückgelassen. Viele Tränen habe dies gekostet. Und ein paar stehen ihm auch an diesem Vormittag in den Augen. Gedanken an den Bruder, an die Freunde. Und als das Grauen vorbei war … Wer habe da denn schon Kraft und Zeit für Gerichtsverfahren gehabt?!

Wenn Renate und Wilhelm Moorhoff an Schulenburg-Nord denken, dann vor allem an ungezählte Radtouren hinauf den in Norden. Zur Hasenheide. Zum Hotel Aquarium mit angeschlossener Badeanstalt. Der Abriss des Hotels zugunsten der Nordbahn. Ja, und da wird die Stimme tief und bedeutend, das war ein Thema. Die ganze Jugend der Gegend, von Engel- bis Berenbostel habe dort doch Schwimmen gelernt. Wo sollten sie denn jetzt hinfahren? Ohne Auto. Ohne Linienbusse. Bestenfalls mit dem Rad.

Und als das Hotel schloss, da wollte sich das Paar Moorhoff sein Paradies nicht völlig aus der Hand nehmen lassen. Die zwei kauften sich einen Gartentisch samt Stühlen. Mit dem Rad transportierten sie ihr kostbares Gut nach Hause. Wie sie dies geschafft haben, kann sich das Paar heute zwar kaum noch vorstellen. Doch diese bemerkenswerte Landpartie muss lustig gewesen sein. Verwundert-amüsiertes Lachen am Esstisch zeugt davon.

Von Hotel und Badeanstalt ist heute nichts mehr zu sehen. Sehr wohl aber vom Tisch und seinen Stühlen. Das Ensemble steht heute im Vorgarten seines Sohnes im Garbsen. Gleich daneben jenes Fahrrad, mit dem Vater Wilhelm täglich zur Arbeit fuhr. Groß geworden sei darauf, sagt er – heute wollten die Beine aber nicht mehr so wie er. Eine Tour zum Flughafenzaun wie einst, einfach um zu gucken, komme nicht mehr in Frage. Leises Bedauern schwingt mit. Aber auch die demütige Erkenntnis, dass sich eigentlich alles ganz gütlich gefügt habe in seinem langen Leben.

Renate fährt deshalb heute ab und zu allein. Aber ihre eigentliche Herausforderung sucht sie sich tagtäglich vor der Tür: Das Paar ernährt sich vorwiegend von dem, was zwischen Renate Moorhoffs grünen Daumen gedeiht. Einen Teil ihres Gartens hat sie vor kurzem Mietern im gemeinsam genutzten Mehrfamilienhaus überlassen. Netten Menschen. Sicher. Dass die Ernte der Neubauern nebenan im ersten Jahr dann doch ein wenig üppiger ausfiel als auf der eigenen Scholle, hat Renate Moorhoff nicht ganz ohne gerunzelte Stirn zur Kenntnis genommen. Doch, ganz Gärtner-Profi, weiß sie genau, dass erst der lange Atem zeigen wird, wer sich wirklich um den Boden kümmert. Da hatten die Engelbosteler ja offenbar schon immer ein besonderes Auge drauf.

Auch ohne Kriegskasse.

2 Kommentare

  1. Irena Finanzen sagt:

    Ich liebe Geschichten wie diese! Das liegt zum einen an dem gelungenen Versuch, einen Ort und dessen Geschichte durch erzählte Geschichten lebendig zu erhalten, und zum anderen an der Mitwirkung von Herrn Moorhoff! Respekt, kann ich da nur sagen! Es zeigt sich hier mal wieder, wie bereichernd es ist, wenn man Zeitzeugen reden und erzählen lässt. Super Idee, Frau Neander! Bitte weiter so!

  2. Haralld Frerichs sagt:

    Dieser Blog ist mit Abstand das Beste, was ich in den vergangenen Jahren im Netz gelesen habe. Ein Dorf mag verschwinden, die Geschichten der Menschen werden Dank Rebekka Neander in Erinnerung bleiben.

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