Eine Woche, fertig und weg ist das Leben (Teil 24)

Wie die Bilder sich gleichen. Draußen liegt eisiger Reif auf Bäumen und Sträuchern, dann und wann wagt sich ein Sonnenstrahl übers Land. Und doch fehlt etwas in der Kulisse. Ein Jahr ist es her, dass mich in der Redaktion ein Anruf aus Schulenburg-Nord erreicht: Sie reißen ab! Seither fehlen zwei weitere Häuser. Sie werden die Vorhut gewesen sein für das große Finale in diesem allen bevorstehenden Jahr.

Was für die verbliebenen Bewohner des Noch-Dorfes im Januar 2012 nach dreijähriger Pause nur die Wiederaufnahme eines längst bekannten Schauspiels ist, wird für mich zur Premiere. Erster Akt: roden. Zweiter Akt: Schadstoffe sortieren. Dritter Akt: Ballett der Bagger. Zugabe: aufräumen, Grube verfüllen, abrücken. Eine Woche, fertig und weg ist die Hülle für eine ganze Menge Leben. Zuletzt für die Dorfbewohner zu bestaunen an Villa und Pferdekopfhaus. Seinerzeit auch noch vom Dorf befeiert mit einem turbulenten Herbstmarkt. Viele Besucher in buntem Programm. Danach wurde es still.

Wenn aus drinnen draußen wird: Die Wunden, die der Abriss eines Hauses schlägt, heilen nicht. Sie verschwinden einfach – mit dem Haus.

Doch jetzt geht es wieder los. Die Bewohner dieses erwählten Hauses mit der Nummer 30 kenne ich nicht. Es wird noch fast ein Jahr dauern, bis ich Doris und Günter Dörge kennenlernen werde. Zuviel anderes passiert in der Zwischenzeit, bis mich der Weg in ihr neues Haus in Schulenburg führen wird. Nicht wirklich weit weg von ihrem verlassenen Hab und Gut.

So wie der Bau eines Hauses irgendwann den denkwürdigen Moment erlebt, in dem aus zugigem Draußen ein heimeliges Drinnen wird, so geht auch der Abriss nicht berührungslos am Beobachter vorbei. Es ist wie ein vorsichtiges Heranpirschen, als könne das Haus sich seinem Schicksal noch entziehen, wenn es denn Lunte röche. Soweit die Romantik.

Tatsächlich aber kann man ein Gebäude nicht einfach in Schutt und Trümmer legen, aufkehren und gut ist. Das ist nicht gut für die Umwelt und schon gar nicht für jene, die mit Bagger und Schaufel dem verwachsenem Organismus aus Stein, Metall und Holz zu Leibe rücken müssen. Strom, Wasser und Gas müssen abgenabelt werden. Danach muss alles raus, was die Arbeiter andernfalls mit ihrer Gesundheit bezahlen müssten: krankmachende Baustoffe, die fast unsichtbar klein in der Atemluft umherschweben, werden sie nicht vorher gezielt gesucht und ausgebaut.

Im Fall des Hauses Dörge erfahren die Arbeiter noch eine ganz eigene Neuigkeit: Häuser in Lärmschutzzonen sind kompliziert. Denn sie sind gedämmt. Und das auf eine vielleicht nicht ganz moderne Weise. Denn den Lärm dort gibt es schon länger. Und so pulen sich die Arbeiter im Dach durch Holz, Styropor, Holz, Styropor, Dämmwolle, Holz … naja, halt durch allerlei, was die Bauherren in den vergangenen Jahrzehnten so alles unters Dach genagelt haben. Lange bevor Behördenmitarbeiter den Dörfern rund um den Flughafen so etwas wie staatlich oder durch den Flughafen geförderte konzertierte Lärmschutzmaßnahmen buchstabieren wollten.

Das Schauspiel ist nicht unbedingt etwas für Zartbesaitete. Denn die Wunden, die die Arbeiter in diese altgewachsene Firniss des Lebens reißen, heilen nicht. Sie werden größer, Tag für Tag. Groß genug, um sie nicht zu übersehen. Aber solange irgend möglich klein genug, um jene draußen zu halten, die in der Baustelle nichts verloren haben.

Fenster und Türen, lernt der Laie, bleiben deshalb drin bis zum Schluss. Denn was wo abgerissen wird, spricht sich in Windeseile herum auch bei jenen, denen das Haus nicht lieb, seine Bestandteile aber vor allem teuer sind. Buntmetalle, Edelstahl-Schornsteine, Feuerholz, Fensterelemente, Türen, Regenrinnen – ein Abrisshaus liefert da abholbereit alles, was das Herz begehrt: von Kaminbesitzern, Heim-Handwerkern oder Graubereichs-Händlern. Die Fenster-und-Türen-zuletzt-Strategie wird im Frühjahr 2012 nicht immer verfangen. Bestandteile einer Holz-Heizung, bereits durch den Flughafen verkauft, und auch ein Edelstahl-Schornstein verschwinden da schon auch mal auf ungeplantem Weg.

Für nun regelmäßige Besucher dieses Schauspiels wie mich hat das Prozedere ebenfalls einen überraschenden Gewinn: Beim Abriss eines Gebäudeteils am Tierheim in Krähenwinkel im Sommer 2012 gibt es vom Baggerführer eine Begrüßung per Handschlag.

Man kennt sich inzwischen. Zum Glück.

Man wird sich wiedersehen. Leider.

Kommentar hinterlassen