Brumm! Brumm! Brumm! (Teil 26)

„Wären wir 15 Jahre jünger gewesen … Dann hätte ich gekämpft um Schulenburg-Nord.“ Zweimal sitze ich am Esstisch von Günter Dörge in seinem Neubau in Schulenburg, und zweimal stehen diese Sätze im Raum. Bandscheibenvorfall hin, Jahrgang 1929 her – diese Sätze sind ihm wie auch seiner Frau Doris abzunehmen.

Und man mag sich kaum vorstellen, wozu die zwei vor 15 Jahren in der Lage waren. In Woche vor diesem Gespräch jedenfalls haben sie zu zweit eine neue Zwischendecke im Vorbau eingezogen. Mit Glaswolle und allem Gedöns. Ja. Gut. Die Kinder haben geschimpft. „Aber wir haben doch Zeit.“

Auch ein Argument.

Als Familie Dörge noch am Armslohweg in Schulenburg wohnt, ist für die drei der Flughafen eher zu hören als zu sehen. Töchterlein Monika jedenfalls ist jedesmal begeistert. Ihr Finger gilt einem Geräusch: Brumm! Brumm! Brumm!

Am 2. April 2013 werden es zwei Jahre sein, die seit ihrem Auszug aus dem Haus mit der Nummer 30 in Schulenburg-Nord vergangen sind. Und die beiden mögen vieles zurückgelassen haben. Die Weite. Das viele Grün. Doch war ihnen zum einen auch dort schon vieles genommen worden – liebgewonnene Nachbarn, vertraute Häuser. Zum anderen haben sich Doris und Günter vieles erhalten. Die Bierkrugsammlung, die auf den Fotos im Wertgutachten im Vorfeld des Verkaufes an den Flughafen gut zu erkennen sind, stehen auch einen knappen Kilometer weiter südlich in Reih und Glied auf eben jener Schrankwand der verlassenen Heimat. Und Beispiele wie die jüngst hinzugewonnene Zwischendecke beweisen Treue: gegenüber Gewohnheiten. Ein Lächeln, ein Schmunzeln, ein Augenkontakt – und dann das Credo eines eingeschworenen Teams: „Wir bauen auf und reißen nieder und haben Arbeit immer wieder.“

Dass die Schrankwand überhaupt so elegant ins neue Haus passt, ist demselben Umstand geschuldet, der Resten eines Duschvorhanges einen jämmerlichen Abgang in den Mülleimer erspart. Denn wenn Doris Dörge nicht so recht schlafen kann, und dies plagt sie allzuoft, dann nutzt die sie stillen Stunden vor dem Sonnenaufgang für kreative Dinge. Dann näht sie Einkaufstaschen aus allem, was sich bei näherem Hinsehen dazu eignen mag. Oder sie verschiebt Wände. In der dunklen Nacht vorsichtshalber auf Papier.

Knapp drei Jahre hatte sie dazu Zeit. Drei Jahre, die zwischen ihrem ersten Gespräch mit dem Flughafen lagen und dem zweiten. Dem unerfreulichen irgendwann Anfang 2007 und dem erfreulichen gegen Ende 2009. Drei Jahre, in denen sie des Nächtens am Tisch saß und die Wandmodule des längst auserkorenen Bauträgers auf dem Plan mal hier-, mal dorthin rückte. Bis all das Geschiebe genau den Platz schuf für all das Liebgewonnene, das nicht zurückbleiben sollte in Schulenburg-Nord. Die ersten Schlafzimmermöbel, die sich das frisch verlobte Paar 1949 anschaffte, stehen heute im Gästezimmer. Der schwere Mamortisch im Wohnzimmer. Naja, ein leichtes Zucken der Schultern: Der letzte Spiegel, den Günter Dörge abmontierte – hm, der steht noch in der Garage.

Das mit dem Nähen, wenn vielleicht auch nicht mitten in der Nacht, das schiebt Doris Dörge ihrem Großvater in die Schuhe. Einem Schneidermeister. Auch die Mutter näht, wenn auch ohne Meistertitel. Geboren wird Töchterlein Doris 1930 in Königsberg; der Krieg, die Flucht verschlägt die Familie nach Stelingen. Noch nicht ganz 17-jährig arbeitet sie beim Bäcker in Engelbostel. Etwas dazu verdienen. Ohne geht nicht in jener Zeit. Aber auf den Markt möchte sie nicht.

Beim Bäcker jedenfalls begegnet ihr 1947 der Günter, „der kleinste der Schulenburger Jungs“. Dieser Kleinste aber, und an der Wichtigkeit dieser Details lässt Doris Dörge auch 65 Jahre später nicht rütteln, kann schwimmen – und vor allem tanzen. Gründe genug für sie, immer mal wieder ein Auge auf ihn zu werfen. Einmal im Monat geht es also auf zum Tanz. Und schließlich, am 16. März 1947 – ein unauslöschliches Datum, bringt der Günter seine Doris zum ersten Mal nach Hause.

Sie verbringen einen Sommer zusammen, einen zweiten. An der Hasenheide, beim Schwimmen, halt bei allem, was die Jugend so tut in jener Zeit. An der Kieskuhle gleich neben dem schmucken Hotel Aquarium dort oben im Norden. Dort, worüber sich Ende der 60-er Jahre die Nordbahn legen wird.

Mit dem Heiraten hat es der Günter nicht so eilig. 25 Jahre, das hat er sich fest vorgenommen, möchte er erst werden. Nun, ganz schafft er es nicht. 1949 feiern die zwei Verlobung, 1951 ihre Hochzeit. Ein Jahr später kommt ihre Tochter in Schulenburg in einem Haus am Armslohweg zur Welt. 1957 gesellt sich ihr Sohn hinzu. Inzwischen wohnt das Paar in Engelbostel. Vom Flughafen hört die Familie in jener Zeit mehr als sie sieht. Ein sorgsam gehütetes Foto zeugt davon. Es zeigt das Töchterchen, gerade einmal sicher die ersten Schritte gehend. Ein begeistert gestreckter Zeigefinger. Dazu Günters liebevolle Synchronisierung: Brumm! Brumm! Brumm! Man kann sich vorstellen, was das Mädchen vors Haus gelockt hat.

So warm sich Doris Dörge heute auch an die Zeit in Schulenburg-Nord erinnern mag – ihre Träume gelten in den jungen Familienjahren diesem Dorfe nicht. In den Kaufunger Wald will sie. In die Nähe einer Freundin, die dort gebaut hat. Der 1965 erworbene Führerschein nährt mit wiederholten Ausflügen die Vision vom eigenen Weg. Doch Günters Tante Christine Dahlke fühlt sich einsam, in ihrem Haus. So ganz alleine – in Schulenburg-Nord. Das Haus ist groß, in jedem Fall groß genug für die Tante samt vierköpfiger Familie. Gebaut hat Christine Dahlke dies mit ihrem Ehemann Paul. Er ist der Onkel von Karl-Heinz Dahlke, der bis heute in Hausnummer 39 schräg gegenüber wohnt. Sein Neubau in Engelbostel lässt im Januar 2013 weiter auf sich warten.

Für Günter Dörge ist der Umzug in das Dorf zwischen den Bahnen 1965 so reizlos nicht. Er hat es zu seinem Arbeitgeber, der Ruhrgas AG, nicht mehr ganz so weit. Ganze drei Minuten braucht der gelernte Schlosser von seinem neuen Zuhause bis zu Europas erstem Untertage-Speicher am Ortsrand von Schulenburg-Nord (siehe Teil 18).

Schon die Konfirmation der Tochter feiert die Familie in dem Dorf zwischen den Bahnen. Die Südbahn hat Schulenburg-Nord bereits seit ihrer Verlängerung 1959 vom restlichen Dorf im Süden getrennt. Mitte der 60-er Jahre entsteht die Nordbahn, deren Verlängerung Ende der 60-er Jahre das Hotel Aquarium und die Tonkuhle nördlich von Schulenburg-Nord unter sich begräbt. Die Kinder fahren deshalb zwar viel mit dem Fahrrad. Doch Muttern Doris, so sagt sie, macht den Fahrdienstleiter für den Nachwuchs. Ach ja, die Kinder, die haben ein bisschen schwer in jenen Tagen. Erinnertes Mitleid am Esstisch.

In Sachen Aufbau und Abriss und Arbeit immer wieder gelten die ersten Jahre im Nord-Dorf eindeutig dem Auf. Wasserversorgung, Heizung, eine neue Treppe, aus Raum für Vier- werden Zimmer für Zweibeiner. Doris und Günter kaufen der Tante nach wenigen Jahren das Haus ab. Aus dem Einfamilienhaus wird eines für zwei, später sogar für drei und noch später wieder für zwei. Mal vermietet das Ehepaar möblierte Zimmer, mal wohnt die Tochter in einer eigenen Wohnung im Haus. Mal der Sohn. Das ist eben das Verhängnis, ein weiteres warmes Schmunzeln huscht über Doris Dörges Gesicht, wenn man alles selbst machen kann. Und wenn man zu viele Ideen hat. Zwei Stimmen, ein Gedanke. Wenn es schön ist, dann könnte es auch anders sein.

Langweilig wird es beiden jedenfalls nicht in Schulenburg-Nord. Und deshalb wird Doris nur zwei Jahre nach dem Einzug eines Tages reichlich unkonventionell ihren Günter heimsuchen. Bei der Arbeit. Und etwas atemlos glücklich verkünden:

Günter! Ich habe Kröpcke gekauft!

Verstehen will das in der nüchternen Ruhrgas-Werkstatt niemand. Aber glücklich wird es die Kollegen machen. Sie wissen es nur noch nicht.

Ein Kommentar

  1. Bei Familie Dörge durften wir uns damals ab und an mit Trinkwasser eindecken. Unser Haus war nicht an das Trinkwassernetz angeschlossen. Das Brunnenwasser durfte nicht getrunken werden.

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