Günter! Ich habe Kröpcke gekauft! (Teil 27)

Shoppen gehen in Hannover kann eigentlich jeder. Über die Fußgängerzone flanieren, die Auslagen bewundern. Wohl die meisten kehren heim mit einer netten neuen Hose, einem Paar preiswerter Schuhe. Doris Dörge kann das auch. Nur kommt sie nach Hause mit Balken.

1967. Es ist Sommer. Die beiden Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Einmal im Monat bleibt Zeit für ein wenig Luxus: eine Fahrradtour nach Hannover mit einem Bummel durch die Stadt. Es ist für Doris Dörge, 37 Jahre jung, ein lieb gewonnenes Ritual mit guten Freunden.

An einem dieser Tage fesselt sie allerdings weniger eines der bunten Schaufenster. Es sind die Abrissarbeiten am Kröpcke. Genauer: Es sind die Balken, die die Arbeiter nach draußen getragen haben. Und wenn Doris Dörge heute davon erzählt, dann möchte der geneigte Zuhörer gepackt von ihrer Begeisterung eigentlich gleich die Tasche öffnen, um das heiß begehrte Gut sofort einzupacken: 26er! 15 Stück! Die lagen da rum! Schönstes Holz!

Wer kann da schon nein sagen?

Ein Tisch voller Leben: Ein Luftbild von 125 Meter Gartenlänge, rechts daneben ein geselliger Tresen, links ein Ausflug zum neuen Tower.

Doris Dörge jedenfalls nicht. Sie marschiert hinein in das Objekt, das so neumodischem Zeugs wie einer U-Bahn weichen muss, angelt sich den Abrissleiter, verhandelt ein wenig und kommt wieder heraus als stolze Eigentümerin von satten 70 Balken, jeder einzelne 6,5 Meter lang. Nicht auszudenken, was daraus alles gebaut werden kann. Also nicht auszudenken für Menschen wie mich. Doris und Günter Dörge fallen dazu sehr schnell jede Menge Dinge ein. Es ist anzunehmen, dass diese Geschichte dem Flughafen unbekannt war. Vielleicht wäre die erste Verhandlungsrunde dann anders verlaufen.

Es sind am Ende zwei Lastwagen voll, die in Schulenburg-Nord in den Graben vor Dörges Haus gekippt werden. Es ist Sommer. Der Graben ist trocken. Und wer klaut da draußen schon Balken.

Als Doris Dörge an diesem Tage von ihrem Routine-Ausflug zurückkehrt, wagt sie voller Stolz, was Frau in jenen Tagen gewöhnlicherweise so gar nicht tut: Sie stürzt in die Werkstatthallen ihres Mannes bei der Ruhrgas AG und verkündet ihrem Gatten wie dem dortigen Rest der Welt:

Günter! Ich habe Kröpcke gekauft!

Hannovers Innenstadt mag in den folgenden Jahren, bis alle unterirdischen Wunden geheilt sind, ein Traditions-Treffpunkt für fröhliche Stunden fehlen. Schulenburg-Nord gewinnt einen. Denn im Dörge’schen Garten erstehen die Balken des Cafés förmlich wieder auf: Es wächst aus ihnen – mal abgesehen von der Garage – ein Wintergarten, der in den künftigen Jahren ein ums andere Mal fidelen Runden ein Obdach bietet. 28 feierfreudige Menschen passen hinein. Theoretisch. Wenn alle ein wenig rücken am flugs eingebauten Bartresen wahrscheinlich noch ein paar mehr.

Unter den Balken gedeiht eine neue Tradition: Wenn sich die Nord-Dörfler treffen, um Gräben und Äcker aufzuräumen, gibt es hernach einen großen Topf Suppe aus Doris‘ Küche. Es sind viele Fotos, die noch heute von dieser Geselligkeit zeugen. Von Kuchen auf gedeckten Tischen. Von frisch Gezapftem nach getaner Arbeit. Von geselligem Engagement. Es fällt am Dörge’schem Esstisch nicht schwer, dem Gelächter, dem Trubel nachzulauschen.

Wenn die Dörfler etwas tun, dann meistens gemeinsam. Das Dach, das auf dem Haus mit der Nummer 30 1980 erneuert wird, ist das Werk vieler Hände. Die Ziegel einander reichen. Von unten über die Leiter bis hoch hinauf. Zu tun ist viel. Für alle. Und wenn wer grillt, während der andere schuftet, dann zeugt ein Pfiff für alle, dass es Zeit ist, Säge oder Hammer zur Seite zu legen, den Weg über den Zaun zu suchen für eine gemeinsame Pause.

Und so wie Günters Kollegen von dem Balken-Schnäppchen seiner Frau profitieren, so machen sich die Dorfbewohner auch anderes zu nutze. Wer ein Grundstück mit einer Länge von 125 Metern besitzt, macht im Laufe der Jahre nicht nur ungezählte Kilometer Wegstrecke gut. Der benötigt – wenn er in einem Idyll wie diesem wohnt – zum Schutz vor den hungrigen, rosenvernarrten Rehen auch jede Menge Zaunpfähle. Jene, die den Garten der Familie Dörge umrahmen, sind ausrangierte Siederohre der Ruhrgas AG. Bedarfsgerecht in handliche Stücke geschnitten.

Der erste Versuch, sie einfach ins Erdreich zu rammen, scheitert an den Bodenverhältnissen: So feucht ist es zuweilen auf dem Lehmboden dieses Ziegelgebietes, dass das Wasser oben aus den Rohren kommt. Da gießt Günter einfach die Rohre mit Schnellbinder voll und fertig ist ein Zaun von solcher Beständigkeit, dass es der eine und manch anderer Pfahl heute bis ins Neubaugebiet an Schulenburgs Dorfstraße geschafft haben. Die Ziegel des Anbaus kommen aus der Ziegelei Kohlmeier, jener, deren Abbaubemühungen schließlich den heutigen NJK-Teich die Wiege bereiteten. Es sind Hartbrenner, die fehlerhaft beim Brennvorhang an einander haften blieben.
An den Ziegeln haben im Frühjahr 2012 die Abbruchbagger ihre helle Freude.

Doris und Günter Dörge wissen das. Sie beobachten den Abriss. Regelmäßig drehen sie ihre Runden. Sehen, wie Dämmstoffe sortiert werden. Wie die Garage fällt. Schließlich das Haus. Zu erkennen geben wollen sie sich nicht.

Sie fahren einfach an ihrem Zuhause vorbei. So langsam wie alle anderen auch.

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