Vom Suchen und Finden (Teil 40)

Das Leben in Engelbostel ist langsamer als in Schulenburg-Nord. Und es ist von tiefem Vertrauen geprägt. Weil man das, was man braucht, erst suchen muss. Und weil man getrost davon ausgehen kann, dass es da ist. Hier. Irgendwo. Jedenfalls ganz bestimmt in einem dieser unendlich vielen Kartons. Die sind angekommen. Familie Dahlke tut sich damit noch ein wenig schwerer.

Karl-Heinz Dahlke hat an diesem Morgen eigentlich so recht keine Zeit. Er muss Kaninchen füttern. In Schulenburg-Nord. Die Nager müssen auf ihren Umzug noch ein bisschen warten. Ihr Stall ist zwar schon da. Das erkennt aber nur das geübte Auge. Für den unbedachten Besucher ist es ein Haufen Kaminholz. Stopp. Nein. Moment. Es ist ein Haufen bereits auf den Zentimeter genau zugeschnittenen Holzes. Nix Kamin. Ganz klar Stall.

Nix Kamin. Ganz klar Stall. Auch wenn es nicht so scheint: Diese Bretter werden bald ihren ganz eigenen Platz finden.

Keine Zeit hat Karl-Heinz Dahlke auch am 21. Mai. Das ist den Kaninchen wahrscheinlich egal. Nicht aber jenem Telekommunikationsunternehmen, das an diesem Tag nun jeden vorhandenen Draht an seinen planmäßigen Platz bringen soll. Das sollte eigentlich bereits eine Woche früher geschehen. Doch die drei dicken Umschläge mit magentafarbenem Signet, die von den früheren Kollegen in den gelben Autos an diesem Morgen zeitgleich neben dem Nager-Kohlrabi auf den Terrassentisch gelegt werden, bescheren dem staunenden Beobachter portoreich einen Einblick in die Schaffensprozesse eines Weltkonzerns.

Brief 1: Wir kommen am 17. Mai.

Brief 2: Wir kommen nicht am 17. Mai.

Brief 3: Freuen Sie sich über einen stressfreien Umzug. Wir erledigen das alles schon.

Richtig. Fragt sich nur wann. Spulen wir zurück: Das mit dem Vertrauen … Naja.

Damit aus einer neuen Postadresse ein Zuhause wird, bedarf es manchmal nur Kleinigkeiten – oder Zufälle. Oder eines Blickes aus dem Fenster. Morgens um fünf. Wenn der Nebel im Osten vor dem Küchenfenster vom Flughafen drüben über die Wiesen kriecht, mit einer glutroten Sonne im Schlepptau. Das ist der Moment, an dem man sich setzen muss zwischen Karton, Schlagbohrmaschine und Spülmittelflasche, an dem das immer noch nicht aufgebaute Regal im Karton gegenüber mal nicht nervt. An dem der Bauch das Hirn übernimmt mit der beruhigen Botschaft: Wird. Alles.

Und wer als Besucher ein paar Stunden später auf der Bank vor der Küchentür sitzt, mit wuchtiger Frühlingssonne im Gesicht, darf sich über ganz natürliche vertrauensbildende Maßnahmen freuen: der Regen der letzten Tage lässt die Rasensaat aufgehen, dazwischen berieselt puderzuckergleich eine Woge von Kirschblütenblättern das, was noch vor Tagen einer Baustelle glich. Die Enkel haben anhängerweise ihr Spielzeug in die neue Sandkiste gekarrt. Ein Fußball wartet auf ihre Rückkehr aus der Schule.

Alte Rituale und neue Moden müssen Bündnisse schließen. Bislang läuft dies recht entspannt. Zur Schule schnurren die Kurzen jetzt höchst entzückt auf jenen Rollern, wie sie sie doch alle haben. Wie man sie aber im Schulbus von Schulenburg-Nord aus nie wie alle benutzen konnte. Und der Lebensmittelmarkt in fußläufiger Nähe schult den Nachwuchs für den Blick aufs Wesentliche: Nie zuvor wurden fehlende Mosaikstücke in der Nahrungskette dieses Haushaltes derart zeitnah aufgefüllt. Da gerät der Frischkäse für 2,19 Euro zur Erfüllung. Dahlkes Ehefrau Christine Nettler entzückt dagegen die Entdeckung der Rehe auf der Wiese vor dem Haus. Vier Stück. Immer wieder. In der Dämmerung. Am Tage sogar. Sie hat der Flughafen nicht geliefert. Aber sie waren ein Wunsch, mit dem Dahlke in längst vergessenen Zeiten den Profi-Immobilien-Verwaltern des Flughafens versuchte begreiflich zu machen, was es ausmachen müsste – das Grundstück seiner Träume. Es müsste eines sein, zu dem die Rehe kommen. Nun kommen sie. Es sind aber, und darin ist sich Christine Nettler sehr sicher, nicht diesselben wie früher, paar Steinwürfe weiter nördlich. Dahlke weiß auch warum. Wenn sie flüchten, suchen sie ihr Zuhause nicht dort, wo es ihre Entdecker noch eine Zeitlang innerlich verorten werden. Wenn Nettler von der Arbeit nach Hause fährt, fällt das frühe Abbiegen noch schwer. Und morgens kommt sie regelmäßig fünf Minuten zu früh.

Diese innerliche Verbundenheit mit der alten Heimat wird noch ein paar Monate ganz äußerliche Seiten haben: Ein Vierteljahr hat Dahlke Zeit, das Grundstück, die noch vollen Garagen in Schulenburg-Nord zu leeren. Wenn es früher ginge, wären die Kollegen am Flughafen nicht unglücklich. Der Sommerurlaub stehe vor der Tür. Die Dimensionen dieses Umzuges, dieses Versetzen von 60 Jahren Lebens, offenbaren sich weit jenseits von Kartonzahlen. Nicht nur blockieren drei Dutzend Kisten – „Was ist da drin? – Keine Ahnung.“ – jenen durch- und überdachten Platz, an dem eigentlich das Kaminholz (also das echte) seinen Platz finden muss. Nicht nur hat sich auch der Profi-Packer-Chef ein wenig verschätzt bei der Personal-Dispo. Am zweiten und letzten Umzugstag waren am Ende deutlich mehr deutlich länger am Werkeln als gedacht. Der Dachboden im Noch-Dorf will nun noch entrümpelt, die auf unendlichem Grund eher unscheinbar wirkenden Dachsparren aus dem abgerissenen Schafstall eines Dietmar Grundey fordern ihren sinnvollen Platz. Doch auch wenn das Grundstück in Engelbostel mit rund 2800 Quadratmetern derzeit die drängende Entscheidung Aufsitzmäher oder Mähroboter aufwirft, auf ihm fehlt es bis auf weiteres eindeutig an unbeobachtbaren Winkeln für nette Kleinigkeiten wie diese.

In Engelbostel fehlt es dagegen an Hühnern, zumindest auf den ersten Blick. Die zwei gefiederten Damen sind als erste aus Schulenburg-Nord fortgezogen. Auch in einem Karton, allerdings höchstpersönlich von Dahlke kutschiert und nicht mit einem professionellen Umzieher. (Auch die Kakteen stehen noch im Noch-Dorf. Dafür gab es im Vertrag keine Überlebens-Garantie. Da fährt sie der Hausherr lieber selbst. Nur weiß er noch nicht, wie.) Die Hühner jedenfalls wohnen jetzt auch in Engelbostel. In Sichtweite ihrer früheren Eier-Abnehmer. Nur eine Wiese weiter. Es kommt nix weg. Jedenfalls nicht so richtig.

Einer Entscheidung harren noch vier Autotüren. Sie sind grün. Und lehnen in Schulenburg-Nord an einem Baum. Die Türen gehören zu jenem Oldtimer, den Dahlke zwischen Vertragsabschluss mit dem Flughafen und Umzug gekauft hat. Diese Chronologie ist wichtig. Denn hätte es das Auto schon beim Verkaufshandschlag gegeben, dann gäbe es heute eine Garage in Engelbostel: der Flughafen baut, was in Schulenburg-Nord zurückgelassen wird. So aber gibt es keine, und der schmucke Mercedes haust in der Garage des dem Abriss geweihten Ruhrgas-Hauses 35/37 in Schulenburg-Nord. Im Herbst fällt dieses ebenso wie alle anderen am Nordende der früheren Dorfstraße. Nun sucht Dahlke eine neue Bleibe (für das Auto) in der Gegend. Oder eine baurechtliche Lösung auf dem eigenen neuen Grund. Sicher, dass das klappt, ist er nicht. Aber das kennt Dahlke nur zu gut. Alles Fragen, die so merkwürdig vertraut erscheinen im Dunstkreises des Noch-Dorfes. Neu bauen war da auch nie einfach. Manche Dinge ändern sich nie.

Ändern wird sich allerdings wohl der Termin für ein Treffen, das Dahlke und seiner Familie im Grunde sehr am Herzen liegt: All jene, die sich mit ihrem Schulenburg-Nord verbunden fühlen, sollen zusammenkommen. Sich wiedersehen. Jener Gemeinschaft nachfühlen, die sie zu unterschiedlichen Zeiten aus ganz unterschiedlichen Gründen aufgegeben haben. Eigentlich war das Treffen für Mitte Juni geplant. Gemeinsam sollte etwas ausgesponnen werden. So wie früher, als es um Straßenfeste und Abriss-Feten ging. Eine Ausstellung mit Fotos, Dokumenten, Plänen und ganz vielen Geschichten aus jener Zeit soll es dieses Mal sein. Dahkle möchte das noch einmal überdenken. Das mit dem Termin. Sein Blick zurück ist momentan ein wenig verstellt. Von Pappkartons. Unter anderem.

Und von einem Ordner. Es mögen zwei gute Pfund sein. Eng bedruckt. Es ist die Bedienungsanleitung der Heizung.

Ja. Es gibt eine CD. Und auf der ist auch das alles drauf. Das hofft zumindest der Installateur. Zu wissen scheint er es nicht.

Dahlke weiß etwas anderes. Sehr genau.

Nochmal umziehen? Bestimmt nicht.

 

 

Ein Kommentar

  1. Im Krieg hatten wir nicht solch große Suchaktionen „wo ist“
    im Luftschutzkeller Haus Fiene. Dort hatte jeder Hausbewohner
    seinen festen Platz mit Koffern, Taschen und Gerätschaften für
    den Ernstfall. Aber wenn für einen Anlass etwas Besonderes benötigt
    wurde, hier drinnen, nein dort, oder in diesem oder jenem … Aha – hier im letztem Koffer!! Dieser Ausspruch hat zum Teil noch heute seine Gültigkeit ohne Katastophengepäck.

    So ändern sich die Zeiten, nur zum Guten?

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