Sammlerglück (Teil 49)

Die Recherche zu diesem Blog gleicht zuweilen vielleicht der Suche nach Fossilien. Mal hier ein bisschen unter die Steinplatten gelunst, mal dort. Und doch gibt es diesen einzigartigen Moment, in dem nicht nur ein kleines Eckchen abplatzt, sondern sich in einem Stück der Abdruck eines längst verschollenen Riesen offenbart. So wie es diesen einzigen Anruf gibt, der dieses hinfortgeblasene Haus mit der Nummer 2 mit einem Mal ins Leben zurückholt.

Der Anruf gilt Wolfgang Freiherr. Mein schieres Glück. Denn Wolfgang Freiherr weiß nicht nur scheinbar unendlich viel über das Wohnhaus seiner guten Freunde, des Ehepaar Pilz in Schulenburg-Nord. Er hat auch Fotos davon. Und mit einem Schlag hat jene Dame, die mir bislang nur in den Erzählungen der ehemaligen Nachbarn mal hier ein wenig, mal dort ein wenig begegnet ist, ein Gesicht. Gezeichnet in warmen Worten. Mir ist Wolfgang Freiherr in meinen bisherigen Recherchen nicht begegnet. Doch die direkten Nachbarn des Ehepaars Pilz, Erika und Wolfgang Pfeif direkt nebenan in Haus Nummer 6, lassen den Namen fallen. Und so rufe ich ihn an. Ob er denn erzählen wolle? Er will.

Gerda und Wilhelm Pilz in ihrem Element: dem Flohmarkt am Leineufer Hannovers. Foto: privat

Gerda und Wilhelm Pilz in ihrem Element: dem Flohmarkt am Leineufer Hannovers. Foto: privat

Rund 40 Jahre haben Wilhelm und Gerda Pilz in dem Haus gleich am Eingang von Schulenburg-Nord gewohnt. Es ist eines der ältesten Häuser dieser Siedlung. Einst erbaut für den Meister jener Ziegelei, dessen Geschäftsführer sich nur wenige Steinwürfe weiter eine Villa samt großer Remise für Vieh und Fuhrwerk errichten ließ.

Die zwei machen aus dem Haus ein doppeltes, für sich, für zwei Tanten und die Oma. Die Mutter von Gerda Pilz hat die Flucht nach dem Krieg nicht überlebt. Wilhelm spült es aus dem Sudetenland in die Niedersächsische Tiefebene. Er findet Arbeit in einem Unternehmen für Büro- und Rechenmaschinen, sie arbeitet sich hoch zur leitenden Angestellten für Damenoberbekleidung in einem hannoverschen Kaufhaus.

Noch während des Umbaus in den 60-er Jahren häutet sich das Haus ein erstes Mal: Ein Orkan greift sich das Dach samt Gauben. Nur das Dach kehrt zurück. Auf Gauben wird verzichtet.

Die Tanten und die Großmutter lassen Schulenburg-Nord hinter sich – aber in diesem langgestreckten Bau keine allzu große Leere. Denn das Ehepaar Pilz hat eine wahre Leidenschaft: die der Sammelei. Das ist mein Glück. Denn ohne Sammelleidenschaft hätten Wilhelm Pilz und Wolfgang Freiherr nie zusammengefunden.

Was Freiherr heute im warmen Blick zurück die Bastion Pilz nennt, ist über viele Jahre ein liebevoll gehütetes Museum für: Büro-, Rechen- und Schreibmaschinen, für Tonbandgeräte und Radios, für Bügeleisen und Kuchenformen, für Laternen und Kameras, für antikes Mobiliar – kurz: für alles, womit man sich auf dem Flohmarkt an Hannovers Leineufer einen Namen machen kann.

Wolfgang Freiherr seinerseits sammelt Radios. Auch heute noch. Vor knapp 40 Jahren jedoch wird ihm in Hannover auf seine Frage, wo es sich lohne, nach gut erhaltenen Sammlerstücken zu suchen, unumwunden der Name Pilz genannt. Und so macht sich Wolfgang Freiherr eines Tages auf in diese Siedlung jenseits der Bahnen – und scheitert.

Der simplen Frage, ob er, der Hausherr, denn auch Radios besitze, folgt der schlichte Wink in den Garten. Der Schuppen hinter dem Haus ist schon lange kein Stall mehr. Wilhelm Pilz hat den schmucklosen Bau wohnlich ausgebaut. Und gefüllt. Ungezählte Regalmeter. Auch Radios. Imposant aufgebaut. Und alle funktionieren. Wenn Wolfgang Freiherr heute davon erzählt, schwingt sein Respekt unverhohlen mit. Das Feilschen um den Preis – für Freiherr eine Rechnung, die er ohne Pilz gemacht hat.

Ein Blatt Papier wird über den Tisch geschoben.
Schreibt er mal eine Zahl.
Eine klare Ansage böhmischer Wurzeln.
Freiherr tut, wie ihm geheißen.
Nein.
Da hängt er noch eine Null dran.

Zu welchem Preis Freiherr letztlich dann vielleicht doch noch ein Radio der Sammlung erstehen konnte, bleibt in unserem Gespräch sein Geheimnis. Nicht aber die Freundschaft, die aus diesem Pakt entstanden ist.

Die zwei machen sich fortan gemeinsam auf zum Stöbern über die Flohmärkte des Landes. Das mag anfangs auch eine Art Zweckbündnis gewesen sein. Pilz hat nur einen Motorradführerschein, Freiherr ein Auto. Man zieht gemeinsam los. Jeder ein halbes Dutzend Dinge im Gepäck. Man kehrt gemeinsam wieder, ganz sicher nicht mit leeren Händen.

Überhaupt sind leere Hände nicht Wilhelm Pilz‘ Sache. Die Fotografie ist seine zweite Leidenschaft. Das Schützenfest in Hannover, der imposante Hauptbahnhof, Trauungen aller Art. Pilz fotografiert ohne Auftrag und fragt seine Modelle, ob sie an Aufnahmen interessiert sind. Seine Frau nimmt dies sportlich offenbar. Zuweilen, so unkt sie, sind die Paare bereits wieder geschieden, bis die Abzüge auf dem Tisch liegen. An den Wegen liegt dies nicht. Denn Wilhelm Pilz betreibt – natürlich – auch sein eigenes Fotolabor im eigenen Haus. Vielleicht aber sind auch nur diese Wege sein Ziel. Ein einziges Bild zeigt mir Wilhelm Pilz. Wer mehr braucht, um sich diesen Herrn vorstellen zu können, dem sei ein Blick auf jenen zweiten Kanal empfohlen, mit dem man werbeträchtig besser sieht. Eberhard Pilz ist vielleicht den nicht mehr ganz so Jungen unter uns noch ein nachrichtlicher Begriff. Gerne als Korrespondent aus den USA geschaltet übers Mainzer Studio in unser Wohnzimmer. Er ist Wilhelms Bruder.

Wolfgang Freiherr kommt in den Monaten um den Jahreswechsel 2012/13 vermutlich öfter nach Schulenburg-Nord kommt, als ihm lieb ist. 1990 stirbt Wilhelm Pilz und hinterlässt einen gut gefüllten Schuppen, ein wandlos ausgebautes Dachgeschoss – allesamt gefüllt mit Sammlergut höchster Güte. Er hinterlässt es. Seine Frau belässt es. Und als klar ist, dass das inzwischen zumindest menschenleere Haus dem Abriss geweiht ist, da empfängt Freiherr die Antiquitätenhändler der Region am Ende der Welt. Alles wird verkauft. Zu Preisen, die den Sammler letztlich nicht nur entzücken. Aber es muss weg. Alles. Jeder Erlös ist wichtig – Pflege kostet ihren Preis.

Was sagt die Olle, sie geht nicht weg von ihrer Scholle.

Ein Satz, ein Credo. Jeder, dem Gerda Pilz öfter begegnet ist, kennt dieses Mantra. Geholfen hat es letztlich nichts. Und doch hat diese Frau, die auf dem einzigen Foto, das ich von ihr kenne, einen so resoluten, fröhlichen Eindruck macht, ihre ganz eigenen Spuren hinterlassen.

Fragen Sie mal im Lebensmittelmarkt in Engelbostel. Diese Anregung gilt vermutlich nicht nur mir. Telefonisch wird im Winter säckeweise Vogelfutter bestellt. Zwieback gibt es für die Rehe, die über den Zaun des Gartens springen. Sie werden wissen, warum. Rosinen, kistenweise. Oder fragen Sie Amelie und Till de Boer, die letzten Mieter der nahegelegenen Villa. Besser: Fragen Sie Ole, den Entlebucher Sennhund im Hause de Boer. Der kann, wenn er könnte, ein Lied singen über Hundekuchen vor der Haustür. Und über günstige Löcher im Zaun für die tägliche Runde durchs Dorf. Über Jahrzehnte ist Gerda Pilz Mitglied des Tierschutzvereines Hannover mit seinem Tierheim im nahegelegenen Krähenwinkel. Umherstreunende Katzen werden aufgelesen und kastriert.

Der Zaun mag für die Rehe kein Hindernis gewesen sein. Für die drei Schäferhunde, derer Gerda Pilz mühelos auch alleine Frau wird, allerdings. Das Futter wird frisch aus der Markthalle in Hannover geholt, unter der Haube des Käfers, den Gerda Pilz ihr eigen nennt. Eines Tages wird sie auf dem Weg nach Hause seitlich gerammt. Die Haube springt auf und blutige Zungen, Schlachtabfälle und Fleischfetzen klatschen über Auto und Straße. Eine Menschenmenge springt entsetzt zurück.

Welch Katastrophe! Welch Unglück! Mörder! Mörder!

Aufgeregte Menschen sind nicht immer ganz glücklich in der Wahl ihrer Worte.

Gerda Pilz mag sich von der Hysterie der Unfallaugenzeugen erholen. Körperlich jedoch steckt ihr der Unfall noch über Jahrzehnte in den Knochen.

Nicht weg von der Scholle – Gerda Pilz wollte dies. Ihre Katzen auch. Gefüttert werden sie immer noch. Von Nachbarin Erika Pfeif. Und eigentlich sollen sie mit umziehen ins neue Haus in Engelbostel. Dazu müssten sie sich allerdings einfangen lassen. So ganz überzeugt scheinen sie nicht. Vielleicht warten sie noch ein wenig.

Auf diese Dame im Morgenrock, die in der Dämmerung eine Runde Zwieback an die Rehe ausgibt.

2 Kommentare

  1. Liebe Frau Neander,

    Sie haben den Artikel so wunderbar und plastisch dargestellt, dass ich dieses Werk gleich mehrmals lesen musste.

    Ich bedanke mich dafür!
    Mit freundlichem Gruß
    Wolfgang Freiherr

Kommentar hinterlassen