Ein harter Kern (Teil 51)

Juli 2013. Flirrende Hitze steht über versengtem Gras. Wer mag, kann sich in den Schatten flüchten – unter dieser monströsen Eiche. Ein gigantischer Baum. Wer unter ihm steht, mag sich klein und einsam vorkommen – und steht doch im Zentrum allen Lebens. Nur etwa 40 Jahre zu spät.

Was mag dieser Baum miterlebt haben? Den Bau der Ziegelei schräg gegenüber, dort wo jetzt der Zahn der Zeit an der Ruine der Ruhrgas AG nagt. Gut 100 Jahre ist das her. Für den Geschäftsführer der Ziegelei wird auf ihrer Rückseite eine Villa erbaut, vor ihr die Remise für Pferd und Fuhrwerk. Pferdekopfhaus werden sie es später nennen, die Menschen dieses Dörfchens. Die Ziegelei wird weichen. Dafür kehrt das Leben ein an dieser einzigen Kreuzung am Ende der Welt: Im Café Dosdall, gleich gegenüber jenseits der Dorfstraße.

Ein schlichter Flachbau, errichtet aus Steinen der alten Kaserne, gerät zum Mittelpunkt des Dorfes. Foto: privat

Ein schlichter Flachbau, errichtet aus Steinen der alten Kaserne, gerät zum Mittelpunkt des Dorfes. Foto: privat

Vom Café Dosdall gibt es nur wenige Bilder. Nicht, weil seine Betreiber – Hugo und Lina Dosdall – etwas gegen das Fotografieren gehabt hätten. Im Gegenteil. Nur liegt ihr Café eben an dieser legendären Dorfstraße, auf der einst die Frischluft liebenden Hannoveraner gen Hasenheide ins Grüne radelten. Eine silberne Kiste, so erinnert sich der jüngste Sohn des Paares, Bernd Dosdall, sei der Schatz der Familie gewesen. Alle Bilder darin. Eines Tages schiebt ein praktisch denkender Mensch diese Kiste ins Fenster. Damit es offen bleibe. Auch die Menschen in Nord-Dorf lieben frische Luft.

Doch merke: Was silbern ist, lockt Elstern aller Art. Irgendein Radel-Tourist aus lang vergangenen Zeiten ist seither im Besitz einer Kiste (wertlos) und diversen Familienbildern (unbezahlbar).

Ein paar wenige Fotos gibt es dennoch. Vor allem aber ungezählte Bilder im Kopf der Söhne. Weiter noch als die Erinnerung von Bernd reicht jene seines deutlich älteren Bruders Walter. Sie reicht bis knapp vors Geburtsjahr 1937. Mit seinen Eltern hat Walter im Pferdekopfhaus gewohnt. Und allein die kaum fassbare Zahl an Familiennamen, die Walter Dosdall als vorübergehende Nachbarn nennt, lässt ahnen: die Wohnungsnot in den Tagen nach dem Krieg. Die Enge, die die ziellose Flucht in die weite Welt nach sich zieht. Das Glück, wenigstens ein Fitzelchen normalen Lebens am Schlafittchen packen zu können, wenn alles genommen scheint. Gewohnt wird, wo es zwei Quadratmeter am Stück gibt, am besten überdacht.

Hugo und Lina Dosdall finden ein Zimmer im Pferdekopfhaus, ziehen vorübergehend auch mal ins benachbarte Haus mit der Nummer 2 – viel später die lang umkämpfte Scholle der Gerda Pilz. Und doch kehren sie zurück in das Haus mit dem markanten, namensgebenden Giebelschmuck. Dieses Mal in eine Wohnung. Sogar mit Bad. Sie werden dort bleiben bis zu ihrem Tode 1978. Beide binnen weniger Wochen. Sohn Bernd ist zu diesem Zeitpunkt junge 18 Jahre. Familie Damaske schräg gegenüber in Haus Nummer 22 wird sein neues Zuhause.

Was sich Hugo und Lina Dosdall in ihrem Café aufbauen, gerät zum Fixstern des Nord-Dorfes. Es ist ein eigentlich recht schlichter Flachbau, errichtet aus den Abbruchsteinen der alten Kaserne drüben am Flughafen. Für die Arbeiter am Flughafen ist es erholsames Ziel in der Pause. Für die Touristen ein willkommener Zwischenstopp auf dem Weg zum Badesee oben im Norden am Hotel Aquarium. Und für die Töchter Fiene aus Haus Nummer 32 der erste Fernseher: den Rosenmontags-Umzug in Köln dürfen sie bejubeln, beim Wunder von Bern müssen die Mädels draußen bleiben. Zum Trost gibt es Eis.

Zunächst beherbergt der Flachbau auch einen kleinen Lebensmittelladen. Dieser aber zieht um in eine ehemalige Militärbaracke gleich gegenüber des Pferdekopfhauses – heute ein Stück Acker mit Transformatorenhäuschen. Walter Dosdall beschreibt einen turbulenten Weg des Vaters. Immer probieren, niemals aufgeben.

Er haucht dem Café im Nord-Dorf Leben ein. Und was für eines! Zum Heideblütenfest füllt es ein eigenes Zelt im Garten. Heute würde man beim Klaren den TNT-Transportern beim Beladen zusehen von diesem Fleckchen Fröhlichkeit. Aus einem Eisbein-Essen wird Tradition und die Bude voll. Und wenn nebenan die Welt ein- und ausgeht, wagt auch Dosdall den Blick über die Grenze. Ein Winzerfest! Bei uns! Was auch immer Walter Dosdall erzählt über die Kämpfe seines Vaters, Stolz schwingt mit – und auch Bitterkeit.

Zweimal.
Falsch: Zweimal! Haben sie dem Vater das Wasser abgegraben.
Wer? Der Flughafen?
Nein!

Wer genau dem Vater den entscheidenden Knüppel zwischen die Beine wirft, das lässt sich so einfach nicht sagen. Die Ortsratspolitiker, weil Hugo Dosdall das falsche Parteibuch in der Tasche hat? Die Konkurrenz, die neben das beliebte Café bald den Flughafenblick südlich der Villa stellt? Die Behörden, die die geplante Dachterrasse auf dem Café mit Blick auf die erste Internationale Luftfahrtschau verweigern? Der Bahnen links und rechts des Cafés, die eine nach der anderen den Touristen den Weg abschneiden? Oder das Finanzamt, das dem Architekten dieses prosperierenden Unternehmens fehlenden Überblick über den gesetzlich vorgeschriebene Bauplan vorwirft? Die Autobahnkantine am Kreuz Hannover, die Kaserne in Lüttmersen, die Autobahngaststätte in Berkhof – Hugo Dosdall entwickelt sich zu einem wagemutigen Gastronomen. Bis es ihm – unternehmerisch – den Hals bricht.

Ein tief empfundenes Unrecht. Noch heute. Hörbar. Sichtbar.

Einsam ist das Kind Walter wahrlich nicht aufgewachsen. Auch siebzig Jahre später purzeln die Namen durcheinander wie die Bagage selbst seinerzeit. Familie Lichterfeld mit sechs Kindern. Oma Pohl. Gödecke. Vom Schulweg über den Krähenberg nach Engelbostel ist die Rede. Vom Fliegeralarm auf halber Strecke, der die Kinder umkehren lässt. Vom Hauswirt Hansen ist zu hören. Von Familie Timmermann. Sauerborn. Das Pferdekopfhaus hat viele Eigentümer gesehen. Mieter noch viel mehr. Wohnungen gibt es nicht. Flüchtlingskinder dafür umso mehr. Einquartiert sind sie in fast allen Höfen dieser Splittersiedlung am Ende der Welt. Einen wahren Schwarm, so nennt Walter Dosdall heute seine Mitstreiter von einst.

Zur Kellnerlehre zieht es den Jungen in die Herrenhäuser Brauerei. Weg aus Schulenburg-Nord zieht ihn dagegen die Bundeswehr, als ersten Jahrgang überhaupt. Doch der Junge hat Glück. Seine Stube bezieht Walter Dosdall ausgerechnet in der Boelcke-Kaserne, jene gleich hinter dem Flughafen, heute belebt als Airport Business Park Nord. Neue Worte für alte Häuser. Und wenn das Essen dem Rekruten nicht schmeckt, entschädigt die Mutter den Sohn abends in der väterlichen Kneipe. 1963 heiratet Walter Dosdall in Schulenburg-Nord. Irgendwann ist es für ihn genug mit dem Kneipenleben. Nach der Bundeswehr verdingt er sich bei VW am Band, beginnt schließlich beim Maurer Bode als Fahrer. Als Walter schon ein junger Erwachsener ist, folgt Bruder Bernd. Ein Spätheimkehrer. Innerfamiliärer Humor.

Den Abriss des Pferdekopfhauses hat Walter Dosdall nicht vor Augen. Nur bedingt mitbekommen, lautet seine Formel. Ob zufällig? Ganz absichtlich weiß er sehr wohl, wohin die Steine gewandert sind. Sie sind eine Garage in Engelbostel. Reichsformat. Hart gebrannt. Kein Nagel geht dort hinein. Die Geschichte ist bekannt. Einmal, ja einmal hat sich Walter Dosdall das Haus vorher noch einmal angeguckt. Danach nicht mehr.

Auch den Kneipenabriss hat sich der Wirtssohn nicht angetan. Aber er weiß, dass noch etwas steht. Eine Pappel. Die Pappel. Die seines Vaters.

Noch so ein Schattenplatz, mitten in vergangenem Leben.

8 Kommentare

  1. Georg Klütz (Wagner) sagt:

    Hallo Ihr lieben ehemaligen Nachbarn,
    fast alle der erwähnten Namen sind auch mir noch in guter
    Errinnerung!!

    Wir hatten eine schöne Jugendzeit in „KANANOHE“, wir sind auch Kriegskinder. Schulzeit in Engelbostel, schwimmen lernen
    in der Hasenheide, Schlittschuhfahren lernen im Tümpel auf der
    Wiese bei Kaufmann bzw. neben Hugo Dosdall und Kaufmann Neitzel. Das erste mal FERNSEHEN (FUSSBALL 1954) von der Bank aus bei Hugo Dosdall. Viele Gedanken auch an ehemalige Nachbarn und Freunde: Döbbels, Fischer, Füllgrabe, Pohl, Euler, später dann Familie Findeisen.

    Eine Berufsausbildung zum Bauschlosser in Langenhagen bei
    Geldschrank Masche. Nach der Lehrzeit Umzug nach Berlin.

    Mit Wehmut war ich im Juni 2013 in Schulenburg-Nord, für mich immer noch Kananohe, und habe die Zerstörung der alten so vertrauten Umgebung aus der Jugendzeit zur Kenntnis nehmen müssen.

    Sollte es noch einmal ein Erinnerungstreffen in Schulenburg-Nord geben, möchte ich gerne dabei sein, um vielleicht noch den einen oder anderen aus der Jugendzeit wiederzusehen.

    Der Grund meiner Reise war, um Schulfreunde zu treffen, um evtl. ein Klassentreffen, wenn auch 25 Jahre seit dem
    ersten Treffen vergangen sind, anzuregen und Mitstreiter
    zu gewinnen.

    Ich verfolge weiterhin alle Beiträge mit Interesse.
    Auch von mir besten Dank für die Erinnerungshilfen!!!

    Georg Klütz

  2. Christina Müller sagt:

    Schulenburg-Nord war echt etwas Besonderes. Man kann stolz sein, dort aufgewachsen zu sein. Und echt tolle Nachbarn, die wir hatten. Ich kann nur Danke sagen.

    Gruß Christina Müller, geb. Holscher.

  3. Wenn ich das Bild von dem Café Dosdall und daneben den Laden von Neitzel sehe, kommen unweigerlich die Erinnerungen wieder. Bei Neitzel durfte ich mir immer mit einer Kanne Milch holen, da ich die Milch direkt von der Kuh (wurde nach dem Melken immer gleich beim Bauern Buch von der Wiese geholt) nicht mochte. Wie im Artikel schon erwähnt, durften wir bei Dosdall die Karnevalsumzüge schauen. Geld für eine Brause gab es von den Eltern.

  4. Michael Waldhelm sagt:

    Ein schöner Beitrag mit tollen Bildern. An den Einkaufsladen (Neitzel?) an der Ecke kann ich mich nur noch sehr schwach erinnern. An das viele Eis von Dosdall schon eher. Ansonsten verbunden mit dem Gedanken an Lindener Bier aus der Flasche (trotz der Holsten-Reklame am Haus) und dem Fernseher.
    Oma Pohl ist selbsverständlich ein Begriff. Mit Frau Euler zusammen waren es ja damals unsere nächsten Nachbarn, bis irgendwann in die Nähe von Wunstorf umgezogen wurde. Wir wohnten ja nun noch ein bisschen abgelegener.

  5. Gundula Blöhm, geb. Fiene sagt:

    Hallo liebe Frau Neander!

    Zu Teil 51 geht mir das Herz auf.
    Ja das war unsere Kindheit und bei so einem Artikel ist die Zeit von damals wieder ganz gegenwärtig. Jeden einzelnen auf den Fotos kennt man ja, da werden die Augen schon mal feucht.
    Aber jetzt geht es auf ein Neues.
    Danke für Ihre schönen Beiträge.
    Gundula Blöhm, geb. Fiene

  6. Karl-Heinz Dahlke sagt:

    Über die Fotos 6 und 7 freue ich mich ganz besonders. Sie wecken Erinnerungen an meine ersten unbegleiteten Einkäufe im Lebensmittelgeschäft „an der Ecke“. In einem dort im Hintergrund zu erkennenden kleinen Holzhaus gab es an einer Bedientheke auf vielleicht 20 Quadratmetern alles, was man zum Leben über das hinaus brauchte, was auf dem eigenen Grundstück wuchs. Keinen überflüssigen Schnickschnack wie in den heutigen Supermärkten. Ein richtiger „Tante-Emma-Laden“ eben. Und ich war stolz, dass ich den Einkauf für die Familie (Großmutter, Eltern und mich) erledigen konnte

    Schulenburg-Nord nicht das Ende der Welt. Sicherlich, früher war es manchmal bei ungünstigen Wetterlagen beschwerlich Schulenburg oder Engelbostel zu erreichen. Grundsätzlich war es jedoch eine ideale Wohnlage. Man lebte abseits vom heutigen Trubel. Wollte man aber in die Zentren von Engelbostel, Langenhagen, Garbsen oder Hannover, war das in kurzer Zeit zu schaffen. Hatte man dort das erledigt, was man erledigen wollte oder musste, dann kehrte man ebenso schnell in die Gemeinschaft Schulenburg-Nord zurück. Dort gab es noch das, von dem heute in der Nordhannoverschen Zeitung als „Antwort auf den demografischen Wandel“ berichtet wird. In Schulenburg-Nord gab es mehrere Häuser in denen bis zu vier Generationen unter einem Dach lebten – Mehrgenerationenhäuser ganz ohne öffentliche Förderung. Auch öffentlich geförderte Spielplätze waren nie notwendig. Ganz Schulenburg-Nord war ein idealer Spielplatz. Ich musste das Pfeifen auf den Fingern lernen, um meinen Kindern zu signalisieren, dass es Zeit fürs Mittag- oder Abendessen war.

    Seit einem Vierteljahr wohnen wir in Engelbostel und ich hoffe, dass Engelbostel seinen Dorfcharakter noch lange Zeit erhalten kann (der Lebensmittelmarkt „um die Ecke“ gehört dazu), so dass wir in unserem neuen Mehrgenerationenhaus hier lange ähnlich gut leben können wie wir es in Schulenburg-Nord konnten.

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