Aufbrüche (Teil 54)

Zwei Jahre, einen Monat und einen Tag ist er her: mein erster Gang durch Schulenburg-Nord. Zwei Wochen fehlen noch, dann fehlt das Ziel meines ersten Besuches. Das stimmt nicht ganz. Auch wenn mit dem offiziellen Abbruch des Hauses Nummer 39 noch niemand begonnen hat, vollständig ist anders: das eine oder andere Fallrohr fehlt, ein Satz Sommerreifen. Die Spuren an der Haustür sind eindeutig. Aufbruch – als erlebte das Noch-Dorf davon derzeit nicht genug.

Und wie vor gut zwei Jahren stehen wir wieder grübelnd im Grünen: Karl-Heinz Dahlke und ich. Damals versuchten wir gleich gegenüber im Dickicht auf Grundstück Nummer 38 zu ergrüngen, wo einst der Hof Wilke wohl stand. Heute stehen wir vor Dahlkes ehemaliger Haustür – durch die irgendein Unhold versucht hat schlüssellos hindurchzukommen. Versucht. Aber nicht geschafft. Was, bitte um alles in der Welt, vermuten die Menschen in seinem alten Zuhause? Dahlke versteht vieles. Aber das nicht.

Knapp zwanzig Jahre haben sich die Eltern von Karl-Heinz Dahlke mit diesem Fest Zeit gelassen. Foto: privat

Knapp zwanzig Jahre haben sich die Eltern von Karl-Heinz Dahlke mit diesem Fest Zeit gelassen. Foto: privat

Unverständnis, ja. Verwunderung, so recht nein. Resignation, schon eher. Jahrzehntelang hat Dahlke das von den Eltern 1952 erbaute Haus samt Hof offen stehen lassen können. Keinen hat es interessiert. Keiner hat sich unter die soziale Käseglocke zwischen den Bahnen getraut.

Seit März wohnt Familie Dahlke im neuen Haus in Engelbostel. Das große KSG-Haus gleich daneben steht schon ein Jahr länger leer. Seine letzten Mieter, Dieter und Erika Hermann, haben ein neues Leben gefunden. Wieder zwischen Bahnen. Das alles hat schon vieles anders gemacht da oben kurz vor der Nordbahn. Aber seitdem Bernd Schuldt den Münkel’schen Hof gegenüber von Dahlkes Haus verlassen hat, der letzte Mieter oben am Nordende der Dorfstraße, ist der Bann gebrochen.

Mit Folgen, mehr ärgerlich als kurios. Dahlke Tochter fährt weiterhin mit Winterreifen durch die Welt. Ihre Sommerreifen haben in Schulenburg-Nord Beine bekommen. Als Karl-Heinz Dahlke vor einigen Wochen die Reifen aus der Garage holen will, sind die Reifen weg. Dass das alles sehr schnell gehen kann, weiß auch die Polizei. Sie gibt Dahlke einen nettgemeinten Tipp: Er möge doch immer einen Personalausweis bei sich haben, um beim Räumen des verlassenen Heimes nicht womöglich in Erklärungsnöte zu geraten.

Erklären müssen auch die Mitarbeiter des Flughafens dieser Tage einiges. Sie haben ihr gigantisches Gefährt geparkt, wo vor Monaten noch der Nachwuchs-Fuhrpark seinen angestammten Platz hatte. Sie räumen aus dem Haus, was den Preis der Abbruchunternehmer nach oben treibt. Müll. Gerümpel. Ein verlassener Hühnerstall. Takeln einen verlassenen Wohnwagen ab, bis ein gespenstisches Gerippe auf einem Acker zurückbleibt. Wer’s weiß, den schaudert’s: Der Wohnwagen, einst geliebtes Spieldomizil, steht, wo bis Oktober 2012 der Schafstall Dietmar Grundeys stand – das vom Dorf vielbefeierte Multifunktionsdomizil. Nun: Eine amputierte Plattform auf Niemandsgrünland.

Die Flughafenmitarbeiter sind auskunftsfreudig. Sie erklären handwerklich begabten Polizeibeamten, die sich auf ihrer Routinerunde um das Flughafengelände nach dem Verbleib der Ziegel auf der Nummer 39 erkundigen, an wen sie sich beim Flughafen wenden müssen. Na, viel Spaß, sagt Dahlke. Die kleben sicher und fest in ihren Pappdoggen, die Ziegel. Die kräftigen Herren in ihren Warnwesten erklären Karl-Heinz Dahlke an diesem Morgen aber auch, dass die Aufbruchspuren an der Seitentür des Hauses keineswegs die ersten sind. Da war schon ein paar Tage vorher jemand dran. Die jetzt zu sehenden waren wohl ein weiterer Nachschlag. Vergebens.

Dass die Häuser da oben leer stehen, hat sich schnell herum gesprochen. Bei Buntmetallsammlern – und anderen Berufsgruppen. Gegenüber auf dem verlassenen Hof Münkel steht eine Handvoll dunkler Limousinen. Drum herum viele Männer. Dunkel gekleidet. Gut trainiert. Ernste Gesichter in wichtiger Mission. Nein, fotografieren ist nicht gestattet. Einsatzkommandos der mobilen wie besonderen Art lassen sich nicht gern beim Training zuschauen. Auch nicht am Ende der Welt. Sie üben das Finden von Unholden in leeren Häusern. Die Unholde nebenan sind wohl schon weg.

Natürlich stelle ich die Frage. Und natürlich bin ich nicht die Erste damit. Aber für mich wie für alle anderen hat Dahlke nur eine Antwort: Wie es ihm geht damit? Mit dem Anblick des zart verwüsteten Zuhauses? Mit dem Wissen um den bevorstehenden Abbruch? Ja. Gut. Naja. Durch damit ist er. Das klingt erst einmal nach innerlich wie äußerlich verschränkten Armen. Doch der Nachsatz offenbart viele Gedanken. Nein, auch seinen Eltern haben wohl zutiefstes Verständnis für all das. Ein Indikativ festen Vertrauens. Für die Entscheidung des Sohnes, das 1952 schließlich für ihn erbaute Haus einzutauschen für ein neues an neuem Ort. Das Ziel ist doch erfüllt! Seine Eltern wollten, dass er ein Heim haben soll. Und er, der Sohn, hat dieses Ziel für seine Kinder und Enkel ebenfalls erfüllt. Gut. Doch. Kein oder.

Ihn beschäftigen derzeit ganz andere Fundstücke. Der Umzug hat nicht nur alte Fotos zutage treten lassen (und den Schlüssel für die Jahrzehnte notgedrungen offen gelassene Garage), es ist auch ein alter Koffer aufgetaucht. Darin: Papier. Vergangenheit. Geschichte. Vor allem aber: ein Ordner mit all den Urkunden und Unterlagen, die belegen, wann und für wieviel sein Vater einst das Grundstück erworben hat. Alles so alt und doch so neu – für den Sohn.

Am 18. November 1932 wird er amtlich, der Kauf. Der frisch verheiratete Arbeiter Karl Dahlke, wohnhaft dort, was in Engelbostel heute Heidestraße genannt wird, zahlt 2300 Reichsmark. Er muss diesen Plan lange vorbereitet haben. Mit gutem Grund. Besser: Ohne. Denn Karl Dahlke kommt 1903 als achtes Kind seiner Eltern zur Welt in Förstenau, Kreis Schlochau. Pommern. Für niemanden ist etwas wirklich sicher im Leben. Für Karl Dahlke jedoch eines: als achtes Kind seiner Eltern bleibt vom väterlichen Hof für ihn nichts übrig. Und so macht er sich auf gen Westen. Zwischen den Weltkriegen. Und wird auf diese Weise später der einzige seiner Geschwister sein, der in den Dörfern westlich Langenhagens nicht als Flüchtling strandet. Er kommt frühzeitig und absichtlich. Zahlt die 6438 Quadratmeter bereits 1927 erst einmal an, spart weiter und wird im November 1932 offenbar handelseinig. Am 9. Februar 1933 fragen die Herren Rechtsanwälte Peter und von Alten ergebens an, ob die Vermessung der verkauften Parzelle stattgefunden hat, damit denn nun die endgültige Umschreibung des Eigentums erfolgen kann. Nach dem Krieg folgen die Geschwister. Vom elterlichen Hof hat nun niemand mehr was.

Zwanzig Jahre bleibt der Grund auf dem alten Ziegeleigelände Nahrungsquelle. Ein Schrebergarten? Wohl eher Schreberpark. Eine Mischung aus Nutzgarten und Nebenerwerbslandwirtschaft. Karl-Heinz Dahlke steht in seinem wilden Garten zwischen Flughafen-Laster, vermodernden Holzresten und groben Spuren verschwundenen Spielgeräts und deutet in großem Schwung über Myriaden noch roter und wohl ungeerntet bleibender Brombeeren: Die Hälfte waren Kartoffeln, die andere Hälfte irgendein Getreide. Alles, wirklich alles hatten die Eltern in Garten. Ein Schwein. Diverse Hühner. Ein paar Schafe. Und natürlich Gemüse und Obst in allen Farben.

Zwei dieser alten Gefährten existieren noch. Zwei Apfelbäume seien älter als er selbst. Darunter der heiß begehrte Augustapfelbaum. Wer hat im August schon noch frische Äpfel vom Baum? Die schmecken gut. Noch heute. Eine kleine Handvoll süß und saftig. Die muss man essen. Allein schon, weil man sie nicht lagern kann. Es ist der Baum, in den der kleine Karl-Heinz am liebsten klettern geht. Weil die niedrige Stammgabel auch kleinen Pöksen den Aufstieg versüßt. Und es ist der Baum, aus dem der nicht ganz zehnjährige Dahlke herausfällt. Vor Schreck – darauf legt der nicht ganz Sechzigjährige Wert. Als bei der Ruhrgas hinter den Bäumen eines Tages etwas fürchterlich explodiert. Mit Verletzten. Richtig schlimm. Ein lauter Schlag. Ein fieser Schreck. Der jeden Halt vergessen lässt. Und einen Jungen aus dem Baum plumpsen lässt.

Unter dem Augustapfelbaum im Garten gleich vorne am Straßenzaun sieht es in diesen Spätsommertagen noch ein wilder aus als in den vergangenen Jahren. Das Gras wuchert mit den Büschen um die Wette. Das Spielzeug der Kinder aus meiner Erinnerung ist verschwunden. Karl-Heinz Dahlke pflegt die akkuraten Tulpenbeete seines Vaters vor dem inneren Auge.

Das Leben von einst ist aufgebrochen zu neuen Gefilden.

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