Alles auf Anfang (Teil 56)

Und dann steht man da, mit einigen Jahrzehnten Lebenserfahrung – und kommt sich vor wie ein Dummer August. Architektendeutsch? Bemusterung? Preisverhandlungen? 27 Jahre haben Erika und Wolfgang Pfeif in ihrem Häuschen am Ende der Welt gelebt. Jetzt aber rauscht ein wahrer Bauirrsinn um sie herum. Am 23. August 2012 wurde ihr Fertighaus in Engelbostel aufgestellt. Am 30. August 2013 sind sie immer noch nicht drin. Dummer August.

Einmal ganz neu anfangen können. Tausendfach geseufzte Sehnsucht. Immer dann, wenn das Leben mal wieder besonders kompliziert erscheint. Alles verfahren. Verkantet. Verknotet. Erika und Wolfgang Pfeif würden auch gerne alles auf Anfang drehen. Und wenn es schon kein einfaches Weiterleben auf der geliebten alten Scholle in Schulenburg-Nord Nummer 6 geben kann, dann wünschten sie sich wenigstens, jemand stellte die Uhr zurück ins Jahr 2008. Denn das war furchtbar.

Steine und Frösche zuerst: Familie Pfeif packt. Es ist Zeit zu gehen.

Steine und Frösche zuerst: Familie Pfeif packt. Es ist Zeit zu gehen.

2008 ist das Jahr, in dem Schulenburg-Nord Besuch bekommt. Wieder einmal. Nach langen Jahren des gefühlten Vergessens. Michael Hesse ist bekommen. Ist zu Gast im Garten oben vor Haus Nummer 39. Hängt in die Schaukel der Familie Dahlke die Pläne seines Arbeitgebers auf und zeigt, wo der Flughafen in den kommenden Jahrzehnten nun das nachholen will, was zwanzig Jahre zuvor schon einmal angedacht gewesen war. Ein Gewerbegebiet zwischen den Bahnen.

Nicht der Besuch Hesses ist Pfeif in furchtbarer Erinnerung. Es ist das Getöne drumherum, das bis zur Kreuzung dringt. Niemand! Will! Verkaufen! So sagen alle. Und ehe man sich versieht, ist alles nicht mehr wahr. Kein Wort mehr irgendetwas wert. Das ist ungerecht. Bei Licht betrachtet auch so recht gar nicht wahr. Unterm Strich aber ist es das, was für Pfeifs am Ende übrigbleibt. Sauer? Ja. Irgendwie. Aber was soll man denn sagen. Tiefe Resignation an einem Gartentisch. Wen interessiert da noch die Sommersonne.

Ja, natürlich. Es gibt ja die Interessengemeinschaft Schulenburg-Nord. Karl-Heinz Dahlke, oben in Nummer 39, hat sie ins Leben gerufen. Er, der schon viele Jahre zuvor seine Nord-Dörfler zur Solidarität aufgerufen hat. Der sagt, wenn niemand will, wird auch niemand müssen. Verhandeln. Verkaufen. Gehen.

Doch diese IG lockt die Familie Pfeif nur kurz. Doch müssten nicht ihre Ziele auch jene sein dieser Verbindung weiter nördlich der Kreuzung? Gemeinschaft – ja. Straßenfeste werden gefeiert. Bis heute gibt es eine Kegelgruppe. Doch die Interessen, die diese IG vertritt, gehen Pfeifs nicht weit genug. Niemand widersetzt sich! Ein Vorwurf aus dem Haus Nummer 6, der in Nummer 39 vielleicht nicht vollends verstanden wird. Dahlke will Informationen liefern, damit erst gar niemand in Versuchung gerät, mit dem Flughafen Gespräche zu führen. Aber wenn sich schon keiner entziehen kann dem Begehren des großen Nachbarn, dann müsste man doch wenigstens gemeinsam verhandeln, heißt es in Haus Nummer 6. Gemeinsam eine starke Position beziehen. Gemeinsam Juristendeutsch pauken, Architektenchinesisch, Gutachterslang. Nummer 39 will in der IG nicht um Geld feilschen. Nummer 6 ja eigentlich auch nicht. Kommunikation ist manchmal schwierig. Auch am Ende der Welt. Jetzt guckt jeder jedem ins Fenster auf neuem engen Grund. Das kann nicht das Glück sein. Bittere Worte am Gartentisch. Zwei Menschen warten auf ihren Abruf. Nebenan auf der Scholle Nummer 2 bringen sich die Abrissbagger in Position.

Nein, verkaufen wollen Pfeifs lange nicht. Aber alleine in einem Industriegebiet zurückbleiben? Es ist laut geworden, seitdem die Villa weg ist. Mit ihr die Bäume im parkähnlichen Garten. Der Flughafenblick ist verschwunden. Sogar der Schuppen dahinter, in dem sich dessen Hausherr erhängt hat. Es scheint, als lassen auch die dicht verwobenen Geschichten mit dem Abriss der Mauern ein ganz eigenes gewaltiges Loch in der Käseglocke zurück. Historischer Lärmschutz. Weg. Es ist, als drehte jemand die Uhr zurück. Auf den Bildern der ersten Tage im Nord-Dorf muss Erika Muchs hellblauer R 4 noch von der Dorfstraße kommend auf dem Weg zu ihrem neuen Zuhause an einer Wellblechhalle vorbeikurven, die bereits bessere Zeiten gesehen hat. Die heutige Zufahrt von der Heidestraße gibt es noch nicht. Die Halle ist Lagerstätte für Futtermittel, als Familie Maulhardt die Villa bewohnt. In Zeiten der Familie Piper werden darin Autos zerlegt. Als nächstes wird Udo Püschel die Villa beziehen und darin sagenumwobene Künstlerfeste feiern. Irgendwann aber kommt auch zu ihr der Abrissbagger. Für Pfeifs, inzwischen wohnhaft in ihrem aufgestockten und aufgehübschten Häuschen durchaus ein Thema. Ohne Rührung. Mehr mit Blick auf den Lichtschalter: In der Halle ist der Stromanschluss fürs Haus. Es wird gebuddelt und umgeklemmt – und das erste Mal wohl gestritten. Um Kosten. Um Übernahme. Um Zusagen. Ums Einhalten. Und um verschiedene Blickwinkel mit Sicht aufs Problem und seine Lösung.

Ein Idyll ist entstanden. Und verschwunden. Die Villa nebenan. Der Urwald, der sich nicht nur nach dem Abriss der Villa, sondern auf allen neuen Leerstellen entlang der Dorfstraße ausgebreitet hat. Anfang 2012 räumt der Flughafen die Flora ab. Ungemütlich machen lautet das – erlaubte – Ziel. Und weil Erika und Wolfgang Pfeif dieses Elend nicht sonderlich lang betrachten wollen, bleibt es eines Tages bei einem Treffen zwischen dem Hauseigentümer Wolfgang Pfeif und dem potentiellen Hausaufkäufer Mario Honkomp auf der Straße vor Nummer 6 nicht nur beim Small Talk. Dämme brechen. So nachhaltig, dass Pfeifs auch ihren Traum vom Fachwerkhaus über Bord werfen. Die Fachwerkfertigen wollen kein Angebot machen, wenn noch kein Grundstück existiert. Schlechtes Timing. Fertighausfirmen locken. Deren Verkäufer noch viel mehr. Die einen wedeln mit Katalogen – all inclusive. Und als die Unterschrift gesetzt ist, wedeln die andern entsetzt den Rotstift. Bemusterung nennt man das. Leistungsbeschreibung. Wörter aus der Fremde. Im fernen Frankfurt. Am Wochenende. Ohne Anwalt in der Jackentasche. Dann muss man entscheiden. Hier und sofort. Dass Teppich statt Parkett im Preis inbegriffen ist. Holz- statt Glastür. Wer jetzt abbricht, mahnt man die Baulaien, schade sich selbst. Verkauft. Das haben Pfeifs. Ihr Haus an den Flughafen. Verkauft. Verraten fällt ihnen dazu noch ein. Vom wem, lässt sich nicht ausdeuten. Vom Schicksal? Von sich selbst? Von ihrer Naivität? Woher hätten sie es denn wissen sollen?

Im August 2012 wird der Rohbau aufgestellt. Das sieht beim Fertighaus eigentlich immer atemberaubend fix aus. Da wird in wenigen Handgriffen aus draußen drinnen. Im November wollen die zwei wohnen – da drinnen. Als Erika Pfeif den Karton mit dem Weihnachtsschmuck wieder auspacken muss – im Noch-Dorf – da spätestens ist klar: Das ist alles gar nicht gut.

Die Details werden teuflisch. Man möchte doch nur, was man schon hatte. Die Grundformel aller Verhandlungen zwischen Noch-Dorf und Flughafen. Man hat – Quadratmeter. Und man hat – Technik. Ein Quadratmeter bleibt ein Quadratmeter. Jahrhundertelang. Technik nicht. Die schreitet voran. Findet neue Energiequellen. Neue Maßgaben. Richtwerte. Natürlich nutzen Pfeifs – so wie alle anderen Hinwegziehenden – die Chance der Erneuerung. Das neue Haus in Engelbostel wirbt mit einer automatischen Belüftung, neuer Heizung, geringen Verbräuchen und niedrigen Kosten – und wenig Platz. Denn all diese Technik braucht ihren Raum. Und so verschwinden die Quadratmeter des Hauswirtschaftsraumes unter modernster Technik. Ein Phänomen, dass auch Familie Dahlke staunend zur Kenntnis genommen hat. Beim Bügeln bleibt den Ellenbogen nun halt ein wenig weniger Raum zur Entfaltung.

So neu, so gut, so ungewohnt. Doch in Pfeifs neuem Haus haben entscheidende Menschen in entscheidenden Momenten Pläne wohl verkehrtherum gehalten. Die eingebaute Gaube ist krumm und schief und verschwindet kurzerhand wieder vom Dach. Mit ihr die Firma, die sie bauen sollte. Eine neue darf nun ihr Glück versuchen. Was bleibt, ist Hoffnung? Nun denn. Die Belüftungsanlage kommt zunächst am falschen Ort aus dem Haus. Die Laterne der Stadt steht vor dem Carport. Der Mast der Telekom direkt vor dem Fenster. Das Kabel sollte unterirdisch ins Haus kommen. Sagt Wolfgang Pfeif. Kommt hier überall per Holzmast durchs Land, sagt die Telekom. Überall. Das gilt aber nur gen Osten. Alle Häuser gen Westen haben einen unterirdischen Anschluss. Das verstehe, wer will. Pfeifs wollen das nicht. Das lockende Umluftsystem verlangt einen besonderen Schornstein. Für den lieggewonnenen Kamin bleibt anschließend kein Geld übrig. Ein Kompromiss zieht den nächsten nach sich. Wo das Knäuel seinen Anfang hat, ist schon lange nicht mehr sichtbar. Monatelang verschiebt sich das Anrücken der Putzer. Doch ohne Putz auf dem Haus kann der Gärtner nicht anfangen. Der lange Winter – lautet die Entschuldigung der Verantwortlichen. Im Hochsommer 2013.

Die Temperaturen mögen in Grad bemessen inzwischen etwas gesunken sein. Und auch in der Stimme von Erika Pfeif klingt meistens eher zynische Resignation mit als die schiere Verzweifelung. Auf weiter Flur zwischen den Bahnen verschwunden ist dagegen im Grunde eine wünschenswerte Vorfreude auf das neue Zuhause.

Eine Hürde müssen die zwei noch nehmen. Sie ist in Sicht gerückt, so wie der Herbst seine ersten Nebelschwaden über die Wiesen schiebt. Es ist Ende August. Der Umzugstermin steht. Ein Monat bleibt den beiden noch in ihrem Haus mit der Nummer 6. Es ist Zeit für das nächste Kapitel im Leitwerk für Flughafen-Verhandlungen: Auswahl des Umzugsunternehmens. Eine Firma war schon da und hat ihren Argus-Augen-Rundgang durch die privatesten Winkel des Heimes gemacht: Wie vieler Kartons wird es bedürfen, um knapp 30 Jahre Leben zu verpacken? Zwei Branchenkollegen werden noch folgen, bis die Flughafengesellschaft ordnungsgemäß ihren Auftrag vergeben darf. Heißt für Pfeifs auch: nicht packen dürfen. Nur was von Profi-Hand verpackt fallen gelassen wird, wird hernach auch ersetzt. Versicherungsrechtsnachhilfe.

Für Tassen und Taschentücher mag das gelten. Die Teichsteine indes lässt sich Wolfgang Pfeif nicht nehmen. Auch die Garage und das Gartenhaus haben die zwei schon entrümpelt, aus- und umgeräumt. Beschäftigungstherapie. Irgendetwas muss man doch tun – dürfen. Vieles dürfen Erika und Wolfgang Pfeif in diesen viel zu langen Monaten. Nur immer dann, wenn es ums fröhliche Gestalten geht, sagt Erika Pfeif, immer dann schiebt sich jemand dazwischen, weil es so oder so und vor allem so einfach irgendwie nicht geht, sondern eigentlich nur ganz anders.

Wir wollen nur das, was wir hatten. Erika Pfeif stockt. Als müsste sie sich selbst noch einmal vergewissern, ob das wirklich so in Ordnung ist. Vor dem inneren Auge spult sich ein Film ab. Eineinhalb Jahre im Schnelldurchlauf. Ein kurzes Kopfschütteln. Doch. Doch.

Wir sind doch keine Spinner.

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