Am Ende – und noch ein bisschen weiter (Teil 60)

Mein erster Blick auf Schulenburg-Nord fällt von dort. Aus 74 Metern Höhe. Vom neuen Tower hinab. In fotografischer Erwartung eines seltenen Riesenvogels im Anflug. Rund drei Jahre ist das her. Heute fällt mein Blick auf das Haus, das dem Tower gewichen ist. Aus etwa 40 Zentimetern Höhe. Auf einen Tisch in einem Braunschweiger Gewerbegebiet. „Waldhelm – Feuerverzinkung“ ist draußen zu lesen. Im Inneren ist ein anderer Name zu hören. Findeisen. Menne Findeisen.

Gehört habe ich schon von ihm. Wenn die Noch-Nord-Dörfler mir versuchen zu erklären, bis wohin ihr Schulenburg-Nord reicht. Bevor sich der große Nachbar beginnt, sich sachte zu rekeln. Da hinten! Ja, ganz weit da hinten! Da ist in jenen Tagen noch ein Haus. Ja, und da wohnt einer! Der hat es in sich. Dass der Ruf des Menne Findeisen – eigentlich heißt er ja August – weit reicht, ist mir klar, bevor ich Braunschweig erreiche. Dass er wohl auch bei altgedienten Kameraden der Flughafenfeuerwehr in eigentümlicher Erinnerung ist, begleitet mich erst gute zwei Stunden später auf dem Weg nachhause.

Ein erster Blick - aus 40 Zentimetern Höhe: Wo dieses Haus einst stand, leiten heute Fluglotsen metallene Vögel sicher auf ihren Bahnen. Foto: privat

Ein erster Blick – aus 40 Zentimetern Höhe: Wo dieses Haus einst stand, leiten heute Fluglotsen metallene Vögel sicher auf ihre Bahnen. Foto: privat

Ehrlich gesagt, fügen sich all diese Puzzleteile erst so richtig zusammen, als ich schon in Braunschweig sitze. In den Monaten zuvor fallen sie mir dann und wann in den Schoß. Der Auftakt ist ein Kommentar im Blog. Geschrieben von einem gewissen Michael Waldhelm. Offenbar ein Kind aus jener Zeit. Es braucht ein wenig, bis wir am Telefon zueinander, und noch länger, bis wir einen Termin finden. Waldhelm, Waldhelm – hm. Sagt mir nichts. Die Suche im Internet verspricht auch keine Erleuchtung. Feuerverzinkung. In Braunschweig. Und in Mecklenburg-Vorpommern. Was, bitte, haben die mit Schulenburg-Nord zu tun? Wichtiger: Warum ist der Name im Noch-Dorf mir bislang nie begegnet?

Eines Tages habe ich nicht ihn, sondern seine Mutter am Telefon. Es folgen ein paar Mutmaßungen, wo wohl genau das Elternhaus gestanden haben mag. Irgendwo dahinten, zwischen Tower, Flughafenfeuerwehr und TNT. Mein einziger Anhaltspunkt auf der bislang ungefähr umrissenen Fläche jenseits des Dorfes einziger Kreuzung ist das Haus Findeisen. Dieses Haus, das für die übrigen Dorfbewohner immer so weit weg schien. Diese, meine Anmerkung am Rande erntet gutmütige Erleuchtung. Ja, ja, sagt Bärbel Waldhausen. Ich bin eine geborene Findeisen. Kreise, die sich schließen.

Und so hat sie mehr mich gefunden als ich sie. Gestolpert ist sie über die gedruckte Geschichte zum Auftakt des Blogs in der HAZ, hat sie ihren vier Kindern gezeigt – und ihre Erinnerungen geöffnet. Michael Waldhelm, ihr Sohn, verfolgt seither unübersehbar jedes Wort und jedes Bild aus der lang verlassenen Heimat. Auch in der Hoffnung, von Menschen zu hören, die ihm schmerzlich aus dem Blick geraten sind. Er pendelt heute zwischen den Niederlassungen des Familienunternehmens, die allesamt einen deutlichen Sprung weiter gen Osten liegen. Das ist heute im Großen so wie früher im Kleinen. Ja, sagt er, Schulenburg-Nord war das Ende der Welt. Und wir? Wir waren noch ein bisschen weiter. Gen Osten.

Gebaut hat das Haus noch weit vor dem Krieg August Scheer, Bärbels Urgroßvater. Auf diesen Äckern und Feldern da draußen im Westen Langenhagens strandet er wie viele andere nach dem Ende des Tonabbaus. Siedlungsgebiet nennt man das. Die damalige Adresse verrät viel über die Bedeutung dieses Landstreifens: Im Wohlde 1 müssen Absender auf Briefe schreiben, damit ihre Zeilen bei Familie Scheer ankommen. Im Wohlde 1, Godshorn. Nur ein Steinwurf weiter westlich, an des Dorfes einziger Kreuzung, beginnt schon Schulenburg. Und wer es auf die Spitze treiben möchte, muss sich nur die Wahlbenachrichtigungen angucken derer, die noch heute oben im Norden in Kananohe wohnen, wo einst das Hotel Aquarium zum Baden lockte. Wenn diese Menschen ihren Ortsbürgermeister wählen sollen, dann lotst die Karte aus diesem Dutzend an Häusern in fünf verschiedene Wahllokale. Alle fünf westlich von Langenhagen gelegenen Ortschaften strecken zum Teil aberwitzig schmale Finger in dieses Gebiet. Jeder will wohl grauer Vorzeit seinen Anteil haben: am Torf, am Ton, an den Wegen zu den Stellen, wo das kostbare Gut abgebaut werden kann. Erst die Gebietsreform 1974 macht aus dem Hof Scheer einen in Schulenburg-Nord. Die Nummer 20 wird es sein.

Knapp 40 Hausnummern werden vergeben sein, bis der Flughafen erwacht. Und damit aus dem Siedlungsgebiet einen Siedlungsstopp macht. Wer bis dahin dort wohnt, mag bleiben. Es mögen aber bitte nicht noch mehr werden. Das Leben in unmittelbarer Nachbarschaft eines Flughafens erscheint den Planern nicht zielführend.

Als Bärbel als eine derer der Findeisens 1939 zur Welt kommt, wohnen ihre Eltern Ilse, eine geborene Scheer, und August in Engelbostel. Die Not treibt sie ins Elternhaus der Mutter, als der Vater zurückkehrt aus Gefangenschaft. Der Krieg ist gottlob vorbei, Wohnraum ist knapp. Der Hauseigentümer in Engelbostel braucht den Platz im Hause selbst. Zusammenrücken wärmt jene, auf deren Schultern alles lastet. Auch wenn Mutter Ilse nicht begeistert ist von dem Umzug in dieses verlassene Ganzdahinten. Die Kinder nervt es sowieso.

Denn das Haus des Großvaters ist proppenvoll. Vetter, Kemna, Rondi, Döbbel. Familiennamen jener Zeit. Alle in einem Haus. Tür an Tür. Wand an Wand. Gleichzeitig. Nacheinander. Im Anbau hat Viehhändler Fischer seine Schafe. Wenn sie nicht gerade eigenmächtig Land gewinnen. Doch der Hof der Großeltern ist im Sonnensystem der Schwestern Bärbel und Inge Lichtjahre entfernt vom Rest des Lebens. Der Schulweg über den Krähenberg unendlich. Mal eben nachmittags spielen mit jenen, mit denen man noch am Morgen die Schulbank gedrückt hat, undenkbar.

Es muss wohl eine kantige Kindheit sein. Die Anfangszeit nennt Bärbel Waldhausen schrecklich. Immer und überall wird man von den Jungs verprügelt. Hoffnung verspricht nur die Ursel, eine derer der Familie Hesse. Ein stabiles Mädchen. Die verkloppt alle. Klare Worte in einem nüchternen Büro. Draußen rangieren Fernfahrer Wagen, Ladung, Tourenplanung. Schnörkel haben hier bestenfalls  die schmiedeeisernen Gitter, die auf ihrem Haufen auf anpackende Hände warten. Eine Wahl immerhin bleibt Bärbel und ihrer Schwester Inge: Auf welchem Weg zur Schule sie Kloppe beziehen. Man kann über den Krähenberg laufen oder auch gleich gen Süden auf der Kopfsteinpflasterpiste, die in die Dorfstraße Schulenburgs mündet. Als Bärbel Findeisen ihren 13. Geburtstag feiert, öffnet der Flughafen sein ziviles Geschäft. Und stellt seine Ampel auf in Richtung Schulenburg. Nur grünes Licht verspricht gefahrlosen Übergang unter der Abflugschneise. So recht trauen sie der Technik noch nicht: Bei Rot könnten von den Propellermaschinen womöglich Teile herabfallen.

Eine chaotische Zeit, an die sich die Mädels erst gewöhnen müssen. Manches regelt sich. Manches regelt Hesses Ursel. Manch anderes regeln die Männer. Wenn die kanadischen Soldaten, noch immer am Flughafen stationiert, wieder in Dosdalls Klause bis zur Bewusstlosigkeit gesoffen haben und es auf dem Heimweg gen Flughafen nur bis vor Findeisens Kellertür geschafft haben. Dann ist der Weg zur Schule mit dem Rad aus eben jener Kellertür hinaus einer mit unliebsamen Hindernissen. Und überhaupt. Im Zweifel verprügelt Herr Rondi alle miteinander. Die rettende Hoffnung einer Kindheit.

Flüchtlingsfamilien ziehen zu und wieder weg. Am Flughafen entstehen aus alten Kasernen Zimmer. Wer vor die Tür dort tritt, muss auf seine Schritte achten. Zimmer auszubauen ist erst einmal wichtiger, als Bombenkrater zuzuschütten. Doch irgendwie arrangieren sie sich alle. Gewöhnen sich daran, dass es Telefon nur vorne bei Kaufmanns gibt. In dem schmucken Ziegelbau an der Kreuzung, heute mit der Nummer 22. Für Tochter Bärbel entscheidend. Mutter Ilse ist krank. Und nicht mehr gut zu Fuß. Da muss man am Ende der Welt wissen, wo Hilfe hört, dass wer nach ihr ruft.

Die Chaotik weicht dem Alltag. Und in ihm gedeiht der Garten. Ein gedeihender Garten will gepflegt sein – und wirft über Jahr und Tag mancherlei Geäst ab. Menne Findeisen, ein Mann der Tat, hat seinen Weg, sich des Gestrüpps zu entledigen.

Dass er dabei den Flughafen regelmäßig lahmlegt, interessiert ihn nicht.

Die Feuerwehr schon.

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