Neumodischer Kram aus grauer Vorzeit (Teil 65)

Es sind nicht gerade sprudelnde Wirtschaftswunderzeiten, in denen sich Heinrich Schaperjahn entschließt, seinen Weg alleine zu wagen. Anfang der 30-er. Das sind die Jahre, aus denen die Kinder jener Tage im Nord-Dorf von Arbeitslosen erzählen, die des Sommers unweit der Tonkuhle ihr Zelt aufschlagen. Sie haben sonst nichts zu tun – und sonst nichts zum Wohnen. Aber wer sich umschaut, findet Beschäftigung. Schaperjahn schaut auf die Maulhardt’sche Futtermittelfabrik in der Halle hinter der alten Ziegelei-Villa. Wenn wer was verfüttern will, muss es jemanden geben, der all die Säcke aus der Villen-Halle zum Vieh fährt. Ein Anfang.

Offenbar kommen die Säcke heil an. Und so zieht ein Auftrag den nächsten nach sich. Fischmehl. Aus Hamburg in aller Früh geholt. Tapioka-Mehl. Hört sich exotisch an. Nie gehört. Vergessene Sitten vergangener Zeiten? Eher nicht. Exotisch stimmt: Tapioka-Mehl wird jene Stärke genannt, die aus den brasilianischen Maniokpflanzen gewonnen wird. Pfannkuchen auf südamerikanisch. Geliefert wird es übrigens gerne in Form kleiner Kügelchen. Ja, genau, jene Kügelchen, die sich das Jungvolk in allerjüngster Zeit gerne in klebrige Plörre aufgelöster Farbstoffe schmeißt. Bubble Tea. Soviel zum Thema neumodisches Dingenskirchen. Alles schon mal da gewesen.

Was am Ende der Welt begann, ist heute begehrt bis ins Sammler-Regal. Foto: privat

Was am Ende der Welt begann, ist heute begehrt bis ins Sammler-Regal. Foto: privat

Um gefärbte Zuckerplörre im schreiendbunten Plastikgewand machen die Menschen jener Jahre keine Gedanken. Zu den wesentlichen Antriebsmitteln gehören Kraftstoffe, Kohle und Kekse. Schaperjahn sammelt in kurzer Zeit namhafte Vertragspartner. Bahlsen, Continental, Shell. Er entwickelt sein Unternehmen zur Spedition. Vermittelt Transporte. Und macht sich doch kaum Konkurrenz auf dem familien-eigenen Hof gleich nebenan. Seine früheren Unternehmensgenossen aus den Zeiten des „August Kaufmann & Söhne“ gehen andere Wege. Heinrich Kaufmann muss sich aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen. Sein Bruder Karl dagegen lässt sich und seine Maschinen als Fuhrunternehmer einsetzen – auch vom Schwager im Nachbarhaus. Es ist ein friedliches Beieinander. Im Auftrage Bahlens sind sie gleichberechtigt unterwegs. Man hilft einander. Bei der einen oder anderen Tour ist Kaufmann im Dienste seines einstigen Kollegen unterwegs.

Das hätte auch noch länger so weiter gehen können. Den Krieg übersteht die Großfamilie im Nord-Dorf weitgehend unbeschadet. Wichtiger noch: Auch die Namen der Auftraggeber sind nach 1945 in bewährter Größe vernehmbar. Es wird produziert und verarbeitet, egal ob Kautschuk oder Kakao. Ungünstig nur, dass auch ein bislang dabei unbeteiligter Nachbar ein nun ziviles Geschäft aufnimmt. Gegen Flugverkehr hat weder die Familie Kaufmann noch die Familie Schaperjahn etwas. Und noch wissen sie es nicht: Der Flughafen wird später Auffangbecken werden – in mancherlei Hinsicht. Jetzt aber, in den 1950- und 1960-er Jahren, versperrt er ihnen erst einmal den Weg.

Zunächst ist es nur eine Ampel, die in Richtung Schulenburg den Kutscher-Fuß zuweilen aufs Bremspedal schickt. Was heute nur noch für Kräne gilt – kein Arbeiten unter schwebenden Lasten -, gilt seinerzeit für Flugzeuge. Wem über dem Kopf ein Propeller kreist, muss vor diesem geschützt werden. Wenn also oben etwas fliegt, hat das, was unten rollt, Rot. Anfang der 1960-er Jahre ändert sich dies. Für den, der sich daran erinnert auf einer sonnigen Terrasse mitten in Langenhagen, ändert sich in jenen Jahren auch – so einiges. 1961 kommt Hans-Hermann Roggendorf erstmals nach Schulenburg-Nord. Eigentlich bewirbt er sich bei Heinrich Schaperjahn um eine Stelle als Speditionskaufmann. Dass er wenige Jahre später auch zum Bewerber um die Hand von Schaperjahns Tochter Edda wird, ahnt beim ersten Blickkontakt angeblich nur besagte Tochter. Am Terrassentisch der jüngst bezogenen Wohnung in Langenhagens Kernstadt geht diese Legende gut 50 Jahre später im warmen Lachen unter.

Anfang der 1960-er Jahre reicht dem Flughafen an der Südbahn keine Ampel, es reicht die Südbahn selbst nicht mehr. Sie wird verlängert und damit der direkte Weg von Schulenburg-Nord nach -Süd versperrt. Wer immer das Nord-Dorf Richtung Süden verlassen möchte, muss dies über Engelbostel tun. Das ist umständlich. Für Schüler, für Menschen, die einkaufen wollen oder einen Arzt besuchen müssen. Und es ist teuer für Spediteure, die jeden Kilometer auf der Rechnung sehen. Mehr noch aber stranguliert sich das Unternehmen an seinem eigenen Erfolg. Da mag es zwischen den Landebahnen des Flughafens ja auf den ersten Blick Wiesen und Äcker en masse geben. Bebaut werden dürfen sie – bis heute – nicht. Mit Beginn der zivilen Luftfahrt in Langenhagen darf zwischen den Bahnen bleiben, was ist. Bleiben, aber nicht wachsen. Bleiben, aber nichts hinzuziehen. Denn jene, die immer schon da waren, sind schon zu viele, die unter dem Lärm der Flugzeuge leiden. Oder zu leiden haben werden, wenn denn noch mehr dort startet und landet. Von diesen Menschen (und möglichen Störenfrieden) braucht niemand noch mehr. Nicht der Flughafen, nicht die Kommunen rund herum im wohligen Mitmagneteffekt für Unternehmen und ihre Arbeitsplätze. Dass der Flughafen einst einmal selbst dort bauen wollen würde, dort im Westen zwischen den Bahnen, davon allerdings ahnt in diesen ersten Nachkriegsjahrzehnten noch niemand etwas. Nicht im Dorf. Und nicht beim Flughafen. Eine vielleicht fatale Einschätzung.

Diese Sache mit dem Lärm. Seiner Bedeutung damals und heute. Seinen Ursachen. Seinen Folgen. Das sind Fragen, die Edda und Hans-Hermann Roggendorf umtreiben. In ruhigen Stunden, in denen die Gedanken Freilauf haben. Richtig. Die Flugzeuge damals. Die sind laut. Da müssen Telefongespräche beendet werden, zumindest unterbrochen. Da fällt Schlaf nächtens den Probeläufen auf dem Rollfeld zum Opfer. Als es die Halle am Ende der Nordbahn noch nicht gibt. Auch die Ruhrgas AG macht Lärm. Deren Pumpen laufen Tag und Nacht. Auch dagegen, und da ist sich das Ehepaar einmal mehr sehr einig, würden heute Lärmgegner Sturm laufen. Und damals? Damals nimmt man das hin. Es gehört dazu. Zum Leben können. Verdienen dürfen. Zum Beschweren mögen ist keine Zeit.

Und so bleibt es erst einmal beim hehren Wunsch der Spedition Schaparjahn zu wachsen. Denn es ist kein Platz da zum Wachsen. Links neben dem Haus 26 steht der schmucke Klinkerbau der eigenen Familie Kaufmann. Rechts hat inzwischen Brigitte Dahlke ihr Haus gebaut. Frei nach einer Art Verursacherprinzip sucht Heinrich Schaperjahn das Gespräch mit dem Flughafen. Wenn der denn seine Bahnen den Kutschern zu Lande in den Weg baut, um seinen eigenen Kutschern die Flugbahn zu verlängern, dann könnte der Flughafen doch vielleicht bei der Lösung zu Lande mithelfen. Was folgt, ist vermutlich das erste Immobiliengeschäft einer Art, das mehrere Jahrzehnte später zum Modell wird für die Umsiedlung des ganzen Dorfes. Wenn auch aus vollkommen anderen Beweggründen. Von sich aus, da ist sich Hans-Hermann Roggendorf sehr sicher heute, wäre der Flughafen kaum auf Schaperjahn zugekommen. Zumindest damals nicht. Nicht dran rühren scheint die Devise. Es gibt eine friedliche Koexistenz von Dorf und Piste.

Gesprächspartner für den Spediteur ist Heinz-Peter Piper, heute Namensträger der Straße, die aus dem millionentiefen Tunnel jenseits des Vorfeldes in Richtung Schulenburg-Nord herauskriecht. Noch endet sie an einem Zaun – in Sichtweise jener Brache, auf der einst die Villa stand. Als fairer Verhandlungspartner hat Piper, der visionäre Flughafenchef jener Tage, in Roggendorfs Erinnerung einen festen Platz. Von Bitterkeit keine Spur. Heute nicht. Damals erstrecht nicht. Beim Flughafen nicht, bei Schaperjahns allerdings ebenso. Sie wollen da weg. Ein Bleiben behindert das Unternehmen. Das Gefühl ist eindeutig. Vielleicht auch, weil die Familie mit ihrem eigenen Weg- den Untergang des Dorfes nicht verbindet. Warum auch. Es geht ja sonst keiner. Es wird Jahre dauern, bis Familie Waldhelm – ebenfalls berufsbedingt – von dort wegzieht, wo heute der neue Tower übers Land blinkt. Bis der Obsthof Wilke oben an der Nordbahn aufgegeben wird: Die Eltern sind verstorben, die Kinder ausgezogen. Statt von eigener Hand Möhren zu verziehen, stapeln sie nun erfolgreich von eigener Hand ge- und verkaufte Salatkisten am Großmarkt. Die übrigen Familien haben sich ganz im Privaten dort oben eingerichtet. Aus Villa und Pferdekopfhaus werden Mehrfamilienzuhause. Viele kommen, einige gehen. Ein schadloser Abgang. So scheint es Schaperjahns jedenfalls.

Der Flughafen jedenfalls zeigt sich Ende der 1960er-Jahre schonmal ortskundig und bietet Familie Schaperjahn zweierlei an: Ein Baugrundstück in Schulenburg-Süd und einen Acker zwischen Engelbostel und Godshorn. Das Grundstück in Schulenburg verkauft die Familie weiter. Heute werden dort Autoteile gehandelt. Die Familie baut für sich an der Fichtenstraße ein großes Haus mit Platz für alle. Bis zum Frühjahr 2013 werden Edda und Hans-Hermann Roggendorf dort wohnen, bis sie sich nach 45 Schulenburger Jahren – weil’s im Alter einfach bequemer ist – in der Kernstadt ohne Autonot eine nette Wohnung suchen. Ein Gedanke, der am Ende der Welt für manchen schon eine Rolle gespielt hat. Das Fuhrgeschäft zieht in die Landeshauptstadt. An der Brinker Straße, heute als Kabelkamp bekannt, siedelt sich die Spedition an. Errichtet Hallen für die Maschinen wie fürs Lagergut.

Finanzieren kann das Unternehmen diesen Umzug auch mit dem Verkaufserlös für das Grundstück im Nord-Dorf. Doch das Areal wird noch ein paar Mal den Eigentümer wechseln. So recht können die ersten Käufer wohl nichts anfangen mit einem Haus am Ende der Welt. Ein Umstand, heute gut für allerlei Anekdoten, aber auch für allerlei Stirnrunzeln beim Flughafen. Denn das Elternhaus Edda Roggendorfs ist im Herbst 2013 das einzige im Noch-Dorf, das eben nicht dem Flughafen gehört. Und bis auf weiteres dem Flughafen auch nicht gehören wird. Man redet. Ausgang offen.

Die heutigen Eigentümer fühlen sich mehr als wohl in Schulenburg-Nord. An einen Abgang ist nicht zu denken. So recht reden möchte sie nicht – mit mir. Die Entscheidung von damals wirft ein grelles Licht in die Zukunft: Noch einmal möchte der Flughafen niemanden in seinem Weg wissen, der nicht weichen will. Und deshalb soll welches künftige Gewerbe auch immer möglichst auf Flughafengrund entstehen. Was der große Nachbar dort einmal erworben hat, will er nicht mehr aus den Händen geben. Erbpacht heißt das Zauberwort. Ein Wunsch, der in den Ratsstuben der Kernstadt wiederum nicht überall auf Gegenliebe stößt. Man redet. Ausgang offen.

Die Spedition Schaperjahn ficht all dies nicht mehr an. Das Unternehmen wächst in Größe und Portfolio. Tank- und Kekswagen im Fuhrpark, Knäckebrot und Fischmehl für die ganze Republik in den Lagerhallen. Heute agiert es in aus Alterstradition gewachsener Frische von Hannovers Hackethalstraße aus. Die Zugmaschinen samt Auflieger zieren Regale für Modell-Sammler. Alte Fotos verzücken die Leser von Fachzeitschriften. Nicht gezeigt werden dort jene Fuhrwerke, mit denen der Vater Heinrich Schaperjahns noch durch Engelbostel gerumpelt ist. Von einem kleinen Häuschen aus an der Hannoverschen Straße.

Das kleine Häuschen, aus dem die Fuhrwerksgeschichte des Nord-Dorfes entstanden ist, steht seit dem Sommer 2013 nicht mehr. Nummer 2, zuletzt die Scholle der Gerda Pilz, ist heute eine tiefengefräste Wiese. Eine schon verpachtete Pferde-Weide in spe. Von dort hat sich August Kaufmann auf den Weg gemacht, Jahrgang 1875.

Seine Todesanzeige wird sorgsam aufbewahrt. Nicht weit entfernt, im Haus mit der Nummer 22. Da liegt sie gut. August Kaufmann hat es gebaut.

Im kommenden Sommer wird es fallen.

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