Von denen, die nichts zurücklassen (Teil 66)

Herbst 2013. Draußen plattert Novemberregen im Dämmerungsgrau gegen die Scheiben. Immerhin einer, der unverdrossen wütet. Drinnen brüte ich über den Einstieg in den Ausstieg. Über die letzte Familiengeschichte dieses – meines? – Noch-Dorfes. Mein erzählerisches Finale spielt im Haus Nummer 1, möchte man von des Dorfes einziger Kreuzung an zu zählen beginnen. Es trägt heute die Nummer 22. Es steht seit vielen Jahrzehnten an des Dorfes einziger Kreuzung, und noch nie haben in ihm Menschen gewohnt, die nicht zur Familie Kaufmann gehören. Die sechste Generation hat gerade ihren zweiten Geburtstag gefeiert.

Es sind drei Generationen, die sich im Herbst 2013 darin ein wenig sorgen. Sorgen, dass es mit dem gerade, nach langer nicht schmerzfreier Suche gefundenen Grundstück drüben in Engelbostel vielleicht doch nichts werden könnte. Drüben in Engelbostel, in Schulenburg-Nords Zweitwohnsitz. Es geht um eine Fläche, friedlich eingebettet mitten im Dorf. Fast ein wenig wie da, von wo sie eigentlich schon seit dem Sommer weg sein müssten. Vertrag ist Vertrag. Aber nicht weg sein können. Weil eine Suche für eine Familie wie diese nicht so ganz einfach ist.

Inzwischen ist rund um das Haus mit der Nummer 22 fast alles verschwunden. Auch der munter blinkende Baustellenzaun.

Inzwischen ist rund um das Haus mit der Nummer 22 fast alles verschwunden. Auch der munter blinkende Baustellenzaun.

Ganz einfach, weil sie zusammen bleiben möchte. Weil die drei Generationen gut miteinander auskommen. Und wenn schon sonst nichts so bleibt, wie es für die Eingeborenen von Kindesbein an und für die Angeheirateten inzwischen gar nicht mehr anders vorstellbar ist, dann sollen sich wenigstens nicht die Gesichter jener ändern, denen man nach dem Zähneputzen als erstes über den Weg läuft. Nun aber ist ein Grundstück gefunden, groß genug für dreimal Zuhause auf einmal. Doch Bürokratie findet sich auch hinter dem letzten gerade abgerissenen Hühnerstall: Derzeit darf dort nur bauen, wer eine Landwirtschaft betreibt. Nun macht Familie Damaske vieles – vom Fuhrwerk über Fußball bis zum Friseurstuhl ist alles vorhanden. Nur Kühe und Schweine, die sucht man bei ihnen leider vergebens. Und die sechs Hühner hinter Haus Nummer 22 sind behördlicherseits nicht Landwirtschaft genug. Nun denn, alle sind bemüht. Die Stadt, der Flughafen, der (Noch-)Eigentümer. Am Ende geht es ums Geld. Man redet. Immerhin.

Sie haben lange gesucht nach diesem neuen Refugium. Und noch länger nicht. Weil sie nicht weg wollen. Aus dem alten Hof der Urgroßeltern haben Herbert und Dagmar Damaske im Laufe der Jahre dreimal Heimat gezaubert. Haben aus- und umgebaut, drei Wohnungen geschaffen. Noch dazu allerdings eine ganze Existenz. So wie all die Generationen vor ihm hat auch Herbert Damaskes Sohn Danny am liebsten Motoröl an den Handschuhen. In der alten Halle des Fuhrunternehmens des August Kaufmann bringt er müde Karren auf Trab, hat sein Auskommen mit dem Einkommen. Und wo, bitte, soll das nun alles hin? Und muss das überhaupt?

Allein diese Frage hat die Familie lange belastet. Vor allem Danny und seine Schwester Alissa hätten das Vermächtnis ihrer Familie am liebsten nie hergegeben. Beide haben ihren 30. Geburtstag in jener Zeit noch weit vor sich. Und während die meisten ihrer Altersgenossen in dieser Lebensphase doch eher City-Lage mit Stadtbahnanschluss und Kneipen-Nachbarschaft vorziehen, ernte ich ob dieses Hinweises nur fassungsloses Unverständnis.

Wozu? Denn? In? Die? Stadt? Ziehen? All ihre Freunde kämen zum Start des Abendvergnügens nur allzu gerne hinaus ans Ende der Welt. Von dort brauche das Großraumtaxi in die Stadt übrigens nur zehn Minuten. Und Silvester? Immer hier! Wo denn sonst?! Hier stört einen niemand, hier stört man niemanden. Der Satz des Dorfes. Immer wieder.

Doch es gärt. Auch in Dagmar Damaske. Nicht nur sieht sie ihren Enkel, Alissas Sohn im Übergang vom Krabbeln zum Kabbeln, künftig verlassen von allen Altersgenossen auf der Straße spielen. Kein Fußball mit der Straßengang. Kein mit den Kumpels in der Wildnis verschwinden bis zum glücklich-verdreckten Wiederauftauchen zum Abendbrot. Sie sieht vielmehr all jene nicht mehr, die ihr Leben da draußen ausmachen, seit sie 23-jährig von Osterwald ins Nord-Dorf kam. Niemanden zum Plauschen. Niemanden für die Hunderunde. Keine Nachbarn, mit denen man alljährlich fröhlich zum Gräben-Reinigen aus- und anschließend zum fröhlichen Begießen desselben zuhause wieder einzieht. Durchgefroren. Mit einem zuweilen erschreckenden Hänger voller Gerümpel. Aber glücklich. Kind sein für Große.

Dann, eines Morgens nach geräuschvoller Nacht, sind all die tiefen Hecken, das urige Buschwerk gerodet. Es ist ungemütlich da draußen. Und es ist nach all den Jahren für Herbert und Dagmar Damaske wahrlich ein ungemütlicher Gang zum Telefon, Mario Honkomp beim Flughafen anzurufen. Man wolle reden. Über Geld. Und die Kinder werden es ihnen eine ganze Weile übelnehmen. Für Haus Nummer 22 hat der Flughafen seinerzeit als erstes geboten. Nun wird es eines der letzten sein, das fallen wird.

Dagmar Damaske wollte nie hier wohnen. 23 Jahre ist sie jung, als sie 1983 nach Schulenburg-Nord zieht. In das Haus der Familie Kaufmann. Es ist von je her ein Mehrgenerationenhaus. Mit ihrem Unbehagen, so am Ende der Welt zu wohnen, ist sie im Haus mit der Nummer 22 nicht alleine. Auch ihre Schwiegermutter Christine will weg. Und mal nicht. Sprunghaft in ihren Entscheidungen, Worte von heute. Offenbar kommt es aber in den Mal-Doch-Phasen nicht so recht zu den entscheidenden Begegnungen. Es wird bis 2012 dauern, bis ein Kaufvertrag unterschrieben wird. Zeit genug auch für die eingeheiratete Schwiegertochter, sich bis zum nur noch sehr schwer vorstellbaren Abschied einzugewöhnen.

Es ist ein Paradies für Kinder. Vorausgesetzt, die Eltern ticken entsprechend. Für Helikopter-Glucken ist das nichts. Nichts, wenn die Gören mit schlappen sieben Jahren sich draußen im Mofa-Fahren üben. Wenn sie mit Fußball-Blutgrätschen ganz bewusst den durchs Dorf rasenden Flugzeugspottern in den Weg fallen. Es stört sie nicht der Dreck und der Lärm. Nicht durch die Flugzeuge, nicht durch die Bau-Laster-Karawanen, die die Start- und Landepisten einige Male um einige Meter verlängern. Das Vorfeld wächst. Die Wege werden abgeschnitten. Mein Gott! Man wohnt halt am Flughafen! Schultern zucken. Augen rollen. Es gibt vielleicht ja doch blöde Fragen.

Es ist ein Paradies für Kinder. Vorausgesetzt, die Kinder ticken entsprechend. Für plüschrosafarbene Mädchen ist das nichts. Nichts, wenn man nicht alleine im Zimmer versauern möchte. Dass Alissa mit Anfang 20 heute noch immer auf dem Fußball-Acker kräftig austeilt, hat zweifelsohne mit jener Schule zutun, durch die sie vor der eigenen Haustür gescheucht wird. Wenn sie heute mit ihrem kleinen Sohn ihre Runden zieht, sei es indes ein komisches Gefühl. Die Bushaltestelle, aus der die Bagage die vorbeirasenden Spotter blitzte und den Foto-Fans damit ein eher unerwünschtes Bild bescherte. Die Teiche, in denen beim Kindergeburtstag Schlittschuh gelaufen wurde. Die Gräben, durch die Groß und Klein alljährlich krauchte, um das Dorf hübsch zu machen. Alles verlassen.

Dass die Dorfgemeinschaft da oben im Norden ein teures Gut ist, das schwört die ganze Straße. Von der Kreuzung her gewinnt diese Stimmung eine neue Nuance: Denn wenn denn der Trecker, der die ganze Sippe durch die Feldmark geschleppt hat, wieder sauber in der Scheune steht. Dann wird gegrillt mit allen zusammen. Dann gibt es für die Kinder, die mit durch den Dreck gezogen sind, eine Tombola. Und wenn die Ausdauer reicht und am frühen Morgen der Hunger quält, dann werden Eier gebraten. Oben am Wendehammer der Nordbahn. Flugzeuge gucken im Morgengrauen. Wenn man schon auf der Aussichtsterrasse wohnt.

Die Eltern des Dorfes halten auch zusammen, wenn die Gören flügge werden. So ganz alleine im Stockfinstern sollen sie nicht nachts übern Krähenberg radeln, wenn es irgendwo mal wieder spät geworden ist. Man wechselt sich ab, mit dem Sammel-Heimhol-Transport.

Vom Nachbarn im Osten hören die Familien nicht viel – mehr, als was neben ihnen vorbeibrummt. Es sei denn, es gibt eine Überraschung. So wie die Einladung, mit einer Antonow mitzufliegen. Einmal in dem Brummer sitzen, der sonst am tiefsten ins Innenohr dringt. Alle Kinder des Dorfes werden eingesammelt. Das Fernsehen ist auch mit an Bord. Und dann springt das blöde Ding nicht an. Das heißt anders. Bringt aber genauso wenig. Also alle wieder retour. Fernsehen auch. Bis es heißt Kommando zurück. Ein Kompressor hilft. Man möchte eigentlich nicht wissen, wobei. Der Tag endet mit fröhlichen Fotos der Beteiligten auf einer Tragfläche.

Die Zeiten dieser Ausflüge sind vorbei. Nicht nur, weil eine Antonow nicht mehr so gerne gehört wird über Langenhagen. Die einen Kinder sind groß. Die meisten Kinder aber sind vor allem weg. Und jene, die zurückgeblieben sind, haben lange versucht, den Blick nicht allzu weit über die eigene Mauer hinwegschweifen zu lassen. Das fällt auch lange Zeit nicht schwer. Der Hof ist groß. Groß genug für Dannys Autos und Werkstatt. Groß genug für eine Laube im Garten mit Tresen, verweilwürdigen Stühlen und Tischen. Groß genug für die Garage, in der das alljährliche Weihnachtsbaum aufstellen vorne an der Kreuzung anschließend gebührend bei Kerzenschein, Glühwein und Lebkuchen gefeiert wird. Wer mag da schon an die Ferne denken.

Inzwischen aber ist der Blick über den Zaun brutal. Kein Busch, kein Strauch lenkt davon ab, dass das Dorf verschwunden ist. Die mächtigen Eichen gleich gegenüber, dort wo einst Villa und Pferdekopfhaus Keimzelle des Dorfes waren, stehen zwar noch immer. Bei dem einen Trecker-Ketten-Umreiß-Versuch eines übereifrigen Flughafenmitarbeiters im Winter vor zwei Jahren ist es geblieben. Es hat die Eiche auch nicht weiter gejuckt, die paar Schrammen in der Rinde. Aber drum herum ist alles kahl, gefräst. Dass dort im nächsten Frühjahr friedlich Pferde werden grasen können, dass diese begehrte große Weidefläche bereits mit Kusshand verpachtet werden konnte, tröstet da wenig.

Die Leidenschaft der Familie Kaufmann gehört zwar seit Generationen den Pferdestärken. Aber nur im deutlichen Plural.

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