Nicht leiden können gibt’s nicht (Teil 67)

Haus Nummer 22. Das ist nicht nur die Geschichte einer Fuhrmannsfamilie über eine gute Handvoll an Generationen. Es ist auch die Geschichte besonderer Freundschaft. Es ist die Geschichte des gütlichen Wegsehens, des in Ruhe Lassens mit Herzensbildung – vielleicht aber auch nur die Geschichte eines eher gemütlichen Dorfpolizisten, der es leid war, mit dem Rad Mofa-Rowdies zu verfolgen. Kann auch sein, erzählt sich aber nicht so schön.

1958. Im Haus Nummer 22 kommt ein Junge zur Welt. Herbert soll er heißen. Im Herbst 2013 wird er selber Senior von drei Generationen in diesem selbigen Haus sein. Er wird das Haus hinter sich und seiner Familie lassen müssen. Davon ahnt das Balg in jenen jungen Jahren zum Glück noch nichts.

1958. Im Haus schräg gegenüber, der alten Ziegeleiremise, dem Pferdekopfhaus, kommt ein Junge zur Welt. Bernd soll er heißen. Im Herbst 2013 werden es schon einige Jahre sein, in denen er nicht mehr dort wohnt. Sein Geburtshaus steht schon lange nicht mehr. Doch nun wird er sein Zuhause zurücklassen müssen: Haus Nummer 22. Dass dieses einmal mehr sein würde als das Haus guter Freunde, davon ahnt das Balg in jenen jungen Jahren zum Glück noch nichts.

Was will man dazu sagen? Pökse, Schnee, Sonne. Einer davon heißt Herbert. Im Hintergrund der Hof der Familie Findeisen. Foto: privat

Was will man dazu sagen? Sonne, Schnee, Pökse. Eines davon heißt Herbert. Im Hintergrund der Hof der Familie Findeisen. Foto: privat

2012, im Frühsommer. Am Gartentisch vor einer Laube sitzt eine Familie. Fünf fröhliche Gemüter, gebeugt über alte Fotos. Sie tragen unterschiedliche Nachnamen. Das interessiert keinen. Hat es hier noch nie. Herbert Damaske und Bernd Dosdall verbindet seit satten 50 Jahren – ja, was? Freundschaft? Tiefe Verbundenheit? Vertrauen? Klar. Alles davon. Und doch trifft es das alles nicht. Die zwei wachsen zusammen auf. Teilen, was sie erleben. Erleben, was sie teilen. Lernen denselben Beruf. Viel zu viele Worte um ein Selbstverständnis. Nicht leiden können gibt es nicht. Ein einfacher Satz. Ende.

Bernd Dosdalls Familie ist im Grunde Dorfeigentum. Seine Eltern Hugo und Lina betreiben gleich nebenan die nach ihnen benannte Klause. Um sie dreht sich alles. Die Kutscher stranden dort. Die Touristen. Die Piloten. Für die Kinder gibt es ein Eis auf die Hand, für die Großen ein Berner Fußballwunder als Bewegtbild. Klause – das mag ja auf dem Haus kunstvoll gemalt zu lesen sein. Für die Nord-Dörfler ist es das Café Dosdall. Jeder nennt es so. Lange Jahre meines Befragens. Bis der eigentliche Name im besagten Frühsommer für mich erstmals auf einem Foto zu lesen ist.

Es ist ein rares Bild. Denn irgendein sammelwütiger Vorbeiradler hat jene silberne Kiste eingeheimst, mit der die Eltern Dosdall an einem verhängnisvollen Tag ein Fenster weit offen halten. Frischluft darf auch mal sein. Nach den übrigen Fotos zu urteilen, die in den Stunden des in die Vergangenheit Versinkens in meinen Händen verweilen, hat die Klause zuweilen deftiges Frischluftdefizit. Mit dieser Kiste nun verschwinden auch alle Familienfotos. Eine knappe Handvoll ist Bernd und seinem Bruder Walter geblieben.

Bernd ist Nachzügler. Spätheimkehrer nennt ihn sein Vater. Bruder Walter, Jahrgang 1936, ist schon längst aus dem Haus, als 1976 binnen weniger Wochen die Eltern der beiden Jungs versterben. Der gerade einmal 18-jährige Bernd steht nun alleine im Leben. Das stimmt – so nicht. Denn für die Familie in dem Haus schräg gegenüber, dem Haus mit der Nummer 22, ist Bernd nicht nur eines Sohnes bester Kumpel. Ist Sohn gleichermaßen. Immer gewesen. Irgendwie. Und jetzt erstrecht.

Zu diesem Zeitpunkt ist das Café Dosdall bereits seit zwei Jahren Geschichte. Geschichte des Zermürbtseins. Bruder Walter Dosdall hat es bereits beschrieben (Teil 51). Von den Knüppeln zwischen den Beinen des Vaters spricht er. Noch immer tief berührt vom widerfahrenen Unrecht. Wer sie geworfen hat, die Knüppel? Viele. Jene, die dem Vater ein falsches Parteibuch vorwerfen. Oder jene, die selber gerne die fröhlichen Geschäfte am Tresen machen wollen. Wer und warum auch immer. Den Brüdern fällt viel dazu ein. Das Spitzdach, das der Vater auf den schlichten Flachbau setzen will. Die Dachterrasse mit Blick auf den Flughafen für die flanierenden Gäste. Alles nicht gewollt. Alles nicht erlaubt. Warum und von wem auch immer.

Der Freundschaft rückt dies nicht zu Leibe. Nicht der zwischen den Eltern. Schon gar nicht dem Nicht-leiden-können-gibt-es-nicht der Jungs. Sie wachsen auf an einer Hauptverkehrsader. Von Hannover über Kananohe bis Kaltenweide. Wer heute an beschriebener Stelle steht, sieht Pferde grasen. Die Ader, sie ist amputiert. Im Norden, im Süden, je eine Landebahn. Was geblieben ist von den Erzählungen der Jungs an diesem Gartentisch vor einer lauschigen Laube, das ist das wahrlich altgediente Kopfsteinpflaster. Weitgehend unter Asphalt begraben, wird es irgendwann zu Höchstpreisen einen neuen Eigentümer finden. Wenn die Zeit endgültig gekommen ist für das, was zumindest noch aus der Luft erkennen lässt, wo hier mal ein Dorf war. Überhaupt: Bilder aus der Luft. Sie zeigen immer noch am meisten. Sie zeigen das Dorf mit noch wahrlich vielen Häusern. Und sie zeigen es sogar mit dem letzten Zeltlager, das Karl-Heinz Dahlke unlängst noch im Garten des Ruhrgas-Hauses veranstalten durfte für die Kinder jener Dörfer, die es noch gibt. Damals gab es noch ein Ruhrgas-Haus. Und seinen Garten. Im November 2013 ist selbst diese Spur verweht. Besser: untergepflügt. Vielleicht wird Gras darüber wachsen. Vielleicht aber auch Mais.

Die Jungs spielen Fußball zusammen. Sie haken Laub. Sie absolvieren die gleiche Lehre. Sie bringen jenes Essen, das in der Dosdall’schen Küche unangetastet bleibt, zum „Jugoslawen“. Gemeint sind jene vier Häuschen, Baracken mehr, die noch hinter dem Hof Findeisen liegen. Heute längst vom neuen Tower belagert. Es ist eine Zeit, in der niemand Fragen stellt, woher oder warum wer auch immer an diesem Ende der Welt landet. Das Pferdekopfhaus ist, solange es Bernds Zuhause ist, weit davor und noch weit danach, längst von der einstigen Remise zur Mutter aller Zuhause gewachsen. Zimmer. Wohnungen. Mit Bad! Es ist günstiger Wohnraum. Es ist Wohnraum! In den Jahren nach dem Krieg das einzige, was zählt. Wenn Herbert Damaske heute durch sein eigenes, ebenfalls ungezählte Male umgebautes Geburtshaus geht, sind ihm diese Geschichten nicht fremd. Und schon gar nicht fern. Allein die große Anzahl der später eingebauten Öfen lässt ihn vermuten, dass auch die Familie Kaufmann längst nicht nur Bernd Dosdall ein Obdach gegeben hat.

Was es zu feiern gibt: gemeinsam. Was es zu schrauben gibt: sowieso. An Mofas. Später an Autos. Überhaupt schraubt das ganze Dorf. Auch in der Garage oben in Nummer 39, bei Familie Dahlke, entsteht aus dem kindlichen mal an ‚was drehen wollen eine Butze mit Montagegraben, Rennkarren und viel Spaß. Unten an der Kreuzung ist das nicht viel anders. Wie sollte es auch. Die Jungs haben ihren Spaß unter den Augen der fernfahrenden Kutscher, so bald sie es schaffen, auf eigenen zwei Füßen rund um einen Motor zu laufen. Oben am Hof Findeisen düsen die Kleinsten über Opas Rennacker schon mit vier Rädern.

Und dagegen hat offenbar auch niemand etwas. Der Dorfpolizist kennt sie alle. Mit Namen. Wahrscheinlich kann er sie am Auspuffgeräusch durch die Tür erkennen. Heute landet ein solches Talent bei „Wetten, dass …“. Wo wir schon beim Sterben sind. Hören, erkennen – aber nur durch die Tür des Café Dosdall. Dort sitzt der Beamte mit Herzensbildung zuweilen im fröhlichen Plausch. Was soll er auch anderes machen? Draußen, da düsen sie, deren Kerzen auf der Geburtstagstorte noch im deutlich einstelligen Bereich stehen, mit dem Mofa durch die Gegend.

Drinnen sitzt einer. Draußen lehnt sein Gefährt an der Wand. Zwei Räder, ein Lenker, eine Kette, leider kein Motor. Wer will damit schon stören.

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