Noch ein Stück mehr vom nichts mehr da (Teil 72)

Gut zwei Jahre sind vergangen seit dem letzten Blick auf das Verschwinden. Gut, das stimmt nicht so ganz. Es gab zwischendurch Einblicke in – neue – Baustellen. Gewohntes Klettern über Kabel und durch geländerlose Treppenhäuser. Ungewohntes Wissen darum, dass hier nicht so schnell etwas verschwinden wird. Hier nicht. Aber dort. Kurz: Familie Damaske hat mit Sack und Pack dreier Generationen Schulenburg-Nord verlassen und das neue Haus in Engelbostel bezogen. Am Ende der Welt aber werden bald wieder Bagger rollen. Die Gärtner waren schon da. Versierte Leser dieses Blogs wissen: Das verheißt nichts Gutes. 

Solche Spaziergänge darf man wahrscheinlich nur im Februar machen. Gut. November ginge auch. Wenn grau und Grauen eins werden. Wenn einen der Nieselregen frösteln lässt. Das ist die Stimmung, die sich gehört, wenn man Häuser besucht, die ihrer Familien beraubt wurden. Blauer Himmel? Frühlingsgefühle? Pietätloser Murks.

Und wieder Kabel unter den Füßen. Doch diesmal wird geblieben.

Und wieder Kabel unter den Füßen. Doch diesmal wird geblieben.

Der Grund für die Fahrt ans Ende der Welt ist tatsächlich so etwas wie Aufbruch. Gut zwei Jahre nach dem letzten Abriss in Schulenburg-Nord hat jetzt im Langenhagener Rathaus die erste Diskussion ums Baurecht fürs Gewerbe zwischen den Bahnen begonnen. Endlich? Tja nun. Ein Foto ist gefragt von der Wiese zwischen der inzwischen Flieger-Spotter-freien Straße Schulenburg-Nord und dem Westende des Flughafens. So die Sprachregelung für Bauplaner.

Übersetzt für die Norddörfler klingt das so: Ein Foto ist nötig von der Wiese, auf der einst ein Obsthof stand umrahmt von Erdbeere und Kirschbaum. Oder eine Spedition, von der Wassereimer per Handkarren von hier nach dort gezogen wurden. Dazwischen das Werden von Heim und Zuhause seit den späten 20-er Jahren. In Worten: den Neunzehnhundertzwanzigerjahren. Gräben, die in tiefsten Wintern Halt gaben zum Schlittschuhfahrenlernen. Wilke, Kuss, Fiene, Dörge, Dahlke, Münkel, Schuldt. Namen, Familien und ihre Geschichte(n).

Was diesen Februarmorgen aber zutiefst gruselig werden lässt, ist der Anblick des allersten Hauses am Platz. Als erstes gebaut, als erstes zu sehen. Dass Damaskes ausgezogen sind, das scheint als Information irgendwo im Großhirn abgelegt. Aber der Anblick der leeren Fenster ist ein anderes Kaliber. Der Anblick der umgepflügten Beete vor dem Haus macht schlechte Laune. Und als nach zwei, drei Sekunden allerärgsten Skrupels die Neugier siegt und man sich plötzlich im Garten hinter dem so solide wirkenden Klinkerbau wiederfindet, schrumpft die Welt zusammen auf einen atemberaubten Seufzer. Stehen bleiben. Nicht glauben wollen. Denn: der Garten ist weg. Ist ein umgepflügter Acker. Termingerecht der zur Brut ansetzenden Vogelschar fachmännisch entzogen. In die Wunde piekt ein einsames, ramponiertes Schaukelgerüst – wartend auf welchen Abbruchunternehmer, der da dereinst auch immer kommen mag. Mach das weg. Schnell!

Es ist zu erahnen, aber wer will das schon sehen: Am Ende der Wiese, die finsterste Ecke des Gartens – nochmal leere Fenster. Nochmal Verlassenheit, wo doch über Jahrzehnte das pralle Leben tobte. Oder in meinem Fall: Ich meine ersten Stunden mit Kaffee, Keks und viel Qualm im Schoß der Großfamilie Damaske verbringen durfte. Es ist die Gartenlaube. Abgefeiert. Abgeliebt. Abgelebt.

Ist das nun mal so? Muss das so?  Man mag es vielleicht so sagen: Es war absehbar. Spulen wir zurück. So etwa ein Winter vorher, ebenso nass, ebenso fröstelnieselig tauchen Nachrichten wahrlich ungewohnter Art auf: Ein Termin für Fotos auf einer Baustelle. So weit, so bekannt. Und doch so neu. Denn es ist ein Richtfest zu feiern. So richtig in echt und in Farbe und mit viel Freude und guten Wünschen. Also so ziemlich das Gegenteil all der Geschichten dieses Blogs. Es wärmt, eingeladen zu sein. Es rührt, durch die Baustelle geführt zu werden. Bis ins Allerheiligste: den neuen Raum für Kaffee, Keks und Qualm. Die neue Laube also. Das neue Herzstück. Und als sich drei Generationen Damaske stolz davor aufstellen, stolpere ich ganz glücklich übers Kabelgewirr, bis die Fotoperspektive stimmt. Ja, so muss das sein. Das eine so wie das andere. Man muss ja nicht immer und überall an alles denken.

Aber wie, bitte, soll denn das gelingen?! Die neue Garage vor dem neuen Haus hat ein neues Tor. Falsch. Ein altes. Es ist das Tor der Garage der Familie Pfeif. Dort, wo sich einst dieses Tor vor Autos niederließ, sprießt nun frisches Grün. Unter Bäumen. Auf einer Weide. Idyll. Keine Spur von der Garage. Keine von der Villa. Vom Pferdekopfhaus. Es bleibt ein Mysterium – übrigens für alle – wie sehr etwas verschwinden kann. Wie soviel Abschiedsschmerz so schön aussehen kann. Zumindest dort oben am Ende der Welt. Denn, wer es weiß, findet das Norddorf wieder, hier oder da. Die Klinker der Garage des Pferdekopfhauses beherbergen heute wieder Autos irgendwo in Engelbostel. Dort ein Gartentor. Hier ein Garagenfenster. Im Norddorf ist noch nie etwas einfach so weggekommen.

Und das muss auch so sein. Sonst sähe man sein Dorf ja nie wieder. So wie Herbert Damaske. Der die Tradition seiner Spediteursfamilie in Schulenburg-Nord nun eben in einem umgepflügten Garten hat vergraben müssen. Oder wie seine Tochter Alissa. Sie beide haben seit dem Auszug keinen Fuß mehr gesetzt ins Norddorf. Mutter Dagmar wagt den warmen Entzug. Des Hundeauslaufs wegen. Natürlich. Täglich.

Am Ende der Welt wird so schnell nichts Neues gebaut. Die Debatte fernab vom Idyll, drüben in Rathaus hat begonnen. Richtig. Doch selbst wenn das Unwahrscheinlich eintritt – eine schnell Einigung über ein Baurecht zwischen den Landebahnen -, wird es noch das eine oder andere Jahr dauern, bis Brief und Siegel den Antritt von Baggern erlauben. Um zu errichten, was bleiben darf.

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