… und weg. (Teil 73)

Manche mögen es einfach, wenn Krawall ist. Andere überraschende Zaungäste sind fasziniert von der graziel-gnadenlosen Kraft des Geräts. Für mich ist es einmal mehr ein gebanntes Verfolgen, wie aus drinnen draußen wird. Was Damaskes in diesen Tagen innerlich mit sich ausmachen, den Abbruch ihres Zuhauses vor Augen, mag ich mir nicht ausmalen. Für Kai Riechers in seinem Bagger ist es Alltag. Na, zumindest fast. Kurz: Schulenburg-Nord Nummer 22 ist verschwunden. Quälend langsam und viel zu schnell.

Weg von hier möchte niemand. Jedenfalls nicht so richtig. Das gilt für die Menschen wie für die Tiere. Für Familie Damaske wie für die Rehe schräg gegenüber auf der Wiese zwischen Paketdienstleister, Startbahn – und Abbruchbagger. Und es gilt für dieses Pferd. Metallen, geschmiedet und eingearbeitet in ein Gartentor. Eines Abends muss wohl jemand versucht haben, das Pferd von Schulenburg-Nord wegzuholen. Doch es wollte nicht. Ließ sich nicht verbiegen, für kein Geld dieser Welt aus dem Tor reißen. Nicht einmal das Tor selbst gab nach. Ein paar Tage lang hängt es nun schief und krumm, aber erdverbunden im vertrauten Zuhause. Bis der Bagger kommt. Nun ist es weg. Manche Symbole sind zu echt, um sie schlecht zu erfinden.

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Kein Biegen und kein Brechen kann das Pferd vom Ende der Welt wegbewegen.

Als Herbert Damaske vor drei Jahren am Küchentisch sitzt, eingebettet in ein Meer von Bildern, Zeitungsausschnitten und Todesanzeigen, und stolz im Werden und Gedeihen von Familie und Firma am Ende der Welt schwelgt, da schwingt zuweilen auch ein wenig diebische Vorfreude mit. Der Bagger, hebt er an, der werde schon seine Freude haben an seinem Zuhause. An diesen Hartbrandziegeln der Hausnummer 22. So hart, dass man für einen Bilder-Nagel in der Wand schon gezielt die Fuge suchen muss.

Kai Riechers Bagger erfreut sich nicht. Nicht an diesem entsetzlich schönen März-Morgen und auch nicht an den angemessen gräulich verregneten Tagen danach. Nicht an der Sonne und nicht an den Fugen. Der Mann mit dem stets akkurat gezwirbelten Schnauzbart im Bagger freut sich auch nicht. Alltag. Murmelt er, wenn man ihn fragt. Naja, fast jedenfalls. Dass von seinem Tun der vergangenen Jahre inzwischen so gar nichts mehr zu erkennen ist auf den Wiesen rund herum, das berührt den Mann mit der folgenreichen Feinmotorik am Joystick dann doch. Und dann fährt er los und die Schaufel gräbt sich zum ersten Mal ins Dach. Hartbrenner? Ja. Fallen auch.

Wie viele Abrisse es schon waren hier? Zehn. Zwölf. Fünfzehn? Keine Ahnung. Ein Prozedere wie immer. Ja, auch. Und doch ist alles anders. Es ist noch ein Augenpaar auf dieses quälend langsame feinste Sortieren von Holz, Regenrinne und Ziegel gerichtet. Ein Herr mittleren Alters gesellt sich zu Baggerführer und Beobachterin. Freundlicher Handschlag. Eine überraschende Premiere. Klaus Kötters. Der, der bleiben wird. Mit seinem Wohnhaus und seinem Firmensammelsuriumsgelände gleich daneben in der Hausnummer 24. Drei Jahre schon möchte er in diesem Blog kein Wort verlieren. Es gebe nichts zu sagen. Er bleibe. Punkt.

Daran ändert sich auch nichts angesichts der neuen Freifläche, die anstelle der über Generationen vertrauten Nachbarschaft nun wächst. Im Gegenteil. Ob die da drüben denn nun glücklicher seien?! Eine Frage mit erklärtem Widerspruch. Niemand könne ihm an anderer Stelle geben, was er hier habe. Hier am Ende der Welt zwischen den Bahnen. Ja. Richtig. Wer da drüben, in Engelbostel wohne, gewinne viele neue fahrradtaugliche Wege und könne das Auto künftig stehen lassen. Auch was wert. Und, ja, richtig. Der Knirps könne wohl nun zu Fuß zur Schule gehen. Praktisch ist das. Aber besser? Jeder hat darauf seine eigene Antwort. Ich habe keine.

Der Abriss eines Hauses gelingt in einem Bruchteil jener Zeit, die der Aufbau braucht. Keine Zeichnungen. Kein Pläne. Keine Hoffnungen. Keine Träume. Da ist der Tag der Vorhut. Die allen neumodischen Dämmungskram herausreißt, der auf Baustoff-Halden nichts zu suchen hat. Der Tag der Gärtner, die alles aus dem Weg graben, was dem Großgerät in die Quere kommen könnte. Es folgt der Tag der Bagger-Anreise. Und dann? Dann beginnt die Zeitlupe, nervig vorübereilend. Wer zuguckt, dem geht es nicht schnell genug. Dieses akribische Sortieren. Dieses mal hier einen Sparren herausziehen, mal dort für die Trockenbauwand einen neuen Haufen eröffnen. Dieses den Helfer in die Ruine Hieven, damit er Plastik und Styropor aussortieren kann. Befüllen von Container. Aufräumen auf dem Hof. Holz hier. Ziegel dort. Mach! Hin! Mach! Weg!

Und wer nur ein paar Stunden wegfährt, erschrickt bei der Rückkehr über den irreparablen Fortschritt.

Dass in diesen März-Tagen an dieser einzigen Kreuzung zwischen den Bahnen Bedeutsames geschieht, hat die Menschen erreicht. Jene, die die Familie kennen. Den Flughafen. Die Ziegel. Während Kai Riechers auf der Gartenseite des Hauses seinen Bagger knabbern lässt, Zwischendecken zermalmen und Badewannen sanft zur Seite legen, postiert sich auf der Straßenseite ein kleiner Hänger. Torsten Joneleit will retten. Was er gebrauchen kann. Und was es verdient hat. Ziegel der Remise des Pferdekopfhauses, einst schräg gegenüber das andere erste Haus am Kreuzungsplatze, beherbergen heute sein Auto in Engelbostel. Joneleit hat daraus eine Garage gebaut. Nun trägt er von Hand Ziegel für Ziegel in seinen Hänger, die gegenüber der Bagger durch zielgerichtetes Umschubsen von seinen verbindlichen Fugen befreit hat. Was er damit machen wird? Keine Ahnung. Aber sicher nicht dort rumliegen lassen. Dazu seien die doch viel zu wertvoll. Wieviel Energie in sie gesteckt wurde, um sie zu brennen. Wieviel Mühe. Und wenn man sie jetzt richtig lagert, halten die nochmal 100 Jahre. Weise Worte.

Noch ein Motor brummt vorbei. Ein Lastwagen. Wie sie dort einst zuhauf ein- und ausgefahren sind. An dieser Kreuzung der Speditionen. Schaperjahn. Kaufmann. Es steigt aus: Bernie Dosdall. Engster Freund des Herbert Damaske. Seit Kindesbein. Einst Bewohner des Pferdekopfhauses. Später, nach dem frühen Tod der Eltern, förmlich adoptiert vom Haus Damaske. Zufall? Schicksal? Manchmal fährt Geschichte einfach vor die Füße.

Noch ein Zaungast verfolgt das ruhige Spektakel. Ein Kind im Enkelformat an der Hand. Faszination entfährt ihm, dem Großen wie dem Kleinen. Für das elegante Spiel des Baggers. Ja, das sei schon imposantes Gerät. Hat auch nicht jeder. Kann auch nicht jeder. Aber den Mann treibt anderes um. Dann doch. Packt das Balg, wendet sich ab. Mit einem Satz, als traue er, das groß gewordene Kind anderer Tage, sich mit dem Gesehenen lieber nicht nach Hause. „Wenn das die alte Frau Kaufmann sehen würde.“

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