Freier Blick auf enge Straßen (Teil 63)

Nun ist er da, der Tag, an dem sich sogar Kai Riechers erschreckt. Weil er seinen Bagger sehen kann. Von weitem. Das sagt einer, der sonst eigentlich jener ist, verantwortlich für die unvermutet freien Blicke. Doch wenn die Gärtner anrücken, dann wird es selbst einem Abbruchunternehmer für ein paar Augenblicke mulmig.

Sie haben ganze Arbeit geleistet. Haben ein Dorf weggeputzt, wie es kein noch so schweres Gerät zuvor vermocht hatte. Keine Hecke, kein Strauch, kaum ein Baum erinnert an Zaunpläusche, an abkürzende Kletterpartien. An Dein. An mein. An hier oder dort. Für ein paar Stunden noch ragen zwei unwirkliche Steinhaufen aus der Ödnis. Die Kleinen ins Töpfchen, die Großen ins Kröpfchen. Reste von Mauern hier, ein grober Schlag Fundamentbrocken dort. Wie zum Trotz hat sich eine hölzerne Tür im Schuttberg versteckt. Das letzte bisschen Drinnen in diesem gerodeten Draußen.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: Das Dorf ist weg. Nur ein Bagger ist zu entdecken, sehr zum Erstaunen seines Fahrers.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: Das Dorf ist weg. Nur ein Bagger ist zu entdecken, sehr zum Erstaunen seines Fahrers.

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Zwischen Puppenstube und Rennacker (Teil 62)

Wer zwischen Kutschern aufwächst, muss auf der Hut sein. Oder besser: mit allem rechnen. Mit einer davon fahrenden Puppenstube vielleicht. Oder mit spendablen Talentschmieden, die aus einer unschuldigen Wiese einen Rennacker für Großvaters Enkel machen. Natürlich nur, wenn Opa im Urlaub ist.

In den 1960-er Jahren kommen auf dem Hof Findeisen vier Kinder zur Welt. Darunter 1962 Michael Waldhelm und 1967 seine Schwester Martina, inzwischen eine verheiratete Eickhoff. Zwischen der Kindheit ihrer als Findeisen geborenen Mutter Bärbel und jener der Kinder mögen ein paar Jahrzehnte liegen. Wirklich weniger abenteuerlustig aber wirkt sie nicht. Jedenfalls nicht an diesem Vormittag in einem Untertagebüro eines Braunschweiger Gewerbegebietes. Zwar müssen sich Michael und Martina nicht plagen mit Bildern von Flüchtlingen und Bombentrichtern. Auf der kindlichen Abenteuerskala zwischen nölig-tödlicher Langeweile und Brause-Blut reicht manchmal ja auch ein Spitz auf der Flucht oder eine Überlebensstrategie: Was tun, wenn man als einziger Junge auf weiter Flur bis zum Tag der Einschulung es einzig und allein und absolut nur mit Mädchen zu tun hat?

Kind sein in Schulenburg-Nord. Zu diesem Bild bedarf es keiner Worte. Foto: privat

Kind sein in Schulenburg-Nord: Turbulent, wagemutig, unscharf. Wie dieses Bild. Foto: privat

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Rauchzeichen (Teil 61)

Es muss eine Welt gegeben haben, in der waren Autos wichtig. Also ernsthaft wichtig. Für wirklich wichtige Dinge. Nicht damit kleine Benjamins und Lisa-Maries pünktlich zum Frühchinesisch kommen. Sondern Möhren auf den Markt oder Kekse nach Königsberg.

Im Wirtschafts-Neu-Sprech von heute heißt das: Flugaffine Unternehmen der Logistikbranche siedeln sich mit Roadhub oder Vertriebskreuz bevorzugt im Umfeld des Flughafens an, um den Benefit von Infrastruktur und Networking für eine bestmögliche Performance mitzunehmen. Klar.

Menne Findeisen interessiert der Flughafen wahrscheinlich nicht die Bohne.

Nichts für den Transport zum Frühchinesisch: Diese Spezialaufbauten der Lastwagen auf dem Schaperjahn'schen Hof dienten einzig einem Zweck: dass aus Keksen ja kein Bruch werde. Foto: privat

Nichts für den Transport zum Frühchinesisch: Diese Spezialaufbauten der Lastwagen auf dem Schaperjahn’schen Hof dienten einzig einem Zweck: dass aus Keksen ja kein Bruch werde. Foto: privat

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Am Ende – und noch ein bisschen weiter (Teil 60)

Mein erster Blick auf Schulenburg-Nord fällt von dort. Aus 74 Metern Höhe. Vom neuen Tower hinab. In fotografischer Erwartung eines seltenen Riesenvogels im Anflug. Rund drei Jahre ist das her. Heute fällt mein Blick auf das Haus, das dem Tower gewichen ist. Aus etwa 40 Zentimetern Höhe. Auf einen Tisch in einem Braunschweiger Gewerbegebiet. „Waldhelm – Feuerverzinkung“ ist draußen zu lesen. Im Inneren ist ein anderer Name zu hören. Findeisen. Menne Findeisen.

Gehört habe ich schon von ihm. Wenn die Noch-Nord-Dörfler mir versuchen zu erklären, bis wohin ihr Schulenburg-Nord reicht. Bevor sich der große Nachbar beginnt, sich sachte zu rekeln. Da hinten! Ja, ganz weit da hinten! Da ist in jenen Tagen noch ein Haus. Ja, und da wohnt einer! Der hat es in sich. Dass der Ruf des Menne Findeisen – eigentlich heißt er ja August – weit reicht, ist mir klar, bevor ich Braunschweig erreiche. Dass er wohl auch bei altgedienten Kameraden der Flughafenfeuerwehr in eigentümlicher Erinnerung ist, begleitet mich erst gute zwei Stunden später auf dem Weg nachhause.

Ein erster Blick - aus 40 Zentimetern Höhe: Wo dieses Haus einst stand, leiten heute Fluglotsen metallene Vögel sicher auf ihren Bahnen. Foto: privat

Ein erster Blick – aus 40 Zentimetern Höhe: Wo dieses Haus einst stand, leiten heute Fluglotsen metallene Vögel sicher auf ihre Bahnen. Foto: privat

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Spurensuche 2.0 (Teil 59)

Sie sind weg. Häuser. Schilder. Menschen. Einfach so. Das ist ein bisschen viel weg auf einmal. Manches ist weg wie nie da gewesen. Anderes, auch wenn es nur wenige Quadratzentimeter sind, fällt auf und wirft Fragen auf: Wer, bitte, hat in Engelbostels Mitte den letzten Wegweiser gen Schulenburg-Nord geklaut? Und wer jenen draußen in der Feldmark? Reicht es nicht, dass binnen weniger Tage jetzt schon das zweite Haus dort verschwunden ist? Wer das Ende der Welt zwischen den Bahnen finden möchte, muss jetzt wissen, wo es ist. Oder besser: war?

Auch mein Bild gibt es nicht mehr. Das Bild, das diesen Blog behütet. Jenes von dem roten Klinkerbau zur Rechten und dem hochaufgeschossenen weißen Putzbau zur Linken. Donnerstag, Sonnabend, Montag. Und weg waren sie. Niedergelegt von einem einzigen tanzenden Bagger. Mehr braucht es nicht. Zwei Häuser: das sind drei Hausnummern oder auch sechs Wohnungen und Klingelschilder, sechs Namen. Sechsmal zuhause sein. Ein Haus mit zwei Namen fehlt noch: Nummer 39 muss noch ein wenig warten, bis die Bagger andernorts ausgetanzt haben.

Ein Bild, ein Wetter, viel zu fröhlich bunt, um an diesem Abrisstag wahr zu sein.

Ein Bild, ein Wetter, viel zu fröhlich bunt, um an diesem Abrisstag wahr zu sein.

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Tagesziel: Plattmachen (Teil 58)

Ist das so, wenn Krieg ist? Man steht im Keller und über dem eigenen Kopf donnern Einschläge. So mächtig, dass die Wände zittern. Dass sich die Bilder im Kopf überschlagen: Wo, bitte, geht es hier wieder raus? Mein Horror hat ein schnelles Ende. Mein Timing war nur schlecht. Ich stehe im Keller des Münkel’schen Hofs. Von draußen begehrt eine Baggerschaufel Einlass in dieses mächtige Haus. Ich brauche eine Tür, um von drinnen nach draußen zu gelangen. Sie von draußen nach drinnen nicht.

Nun sind sie also da. Die drei Herren. Mit ihnen zwei Container, zwei Kipper, ein Bagger. Mehr braucht es nicht für das Tagesziel. Am Abend soll das Haus liegen. Dieser imposante Klinkerbau mit der Nummer 36, der seinen 100. Geburtstag eher knapp verfehlen wird. Der die Geburt dieser Splittersiedlung zwischen den Bahnen nach 1928 miterlebt hat und ihr Ende bis fast zum bitteren Ende mitverfolgen musste.

The Fog - der Nebel des Grauen ...? Nein, leider kein B-Movie. Es ist der Auftakt vom Ende.

The Fog – Nebel des Grauens …? Nein, leider kein B-Movie. Es ist der Auftakt vom Ende.

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Warten aufs Christkind (Teil 57)

Ist das jetzt ein gutes Zeichen? Wenn wer nicht kommt, weil er zuviel zu tun hat? Ein gutes Zeichen, dass die drei Häuser oben an der Nordbahn noch immer stehen, obwohl sie nach Flughafen-Auftrags-Zeitrechnung eigentlich zumindest schon sichtbar ver-, besser: zerkleinert sein müssten? Egal. Fühlen wir uns also Anfang September wie im Dezember – und warten aufs Christkind.

Das Christkind heißt Kai Riechers, seines Zeichens Abbruchunternehmer. Er ist ein alter Hase seiner Branche. Und er ist ein alter Bekannter des Noch-Dorfes. Er hat die Villa abgerissen. Das Pferdekopfhaus. Selbst an das Aquarium weit oben im Norden kann er sich erinnern. Er hat die Häuser gehen sehen im Noch-Dorf. Und er hat die Mitarbeiter des Flughafens gehen sehen. Die Abbruchgeschichte in Schulenburg-Nord ist eine lange. Und doch erobert er gerade Neuland: Jeden Tag muss er zwei Auftrage ablehnen, weil seine Bagger gar nicht wissen, wohin zuerst. Das gab’s noch nie. Freundliches, belustigtes, verblüfftes Raunzen am Telefon. Die Leute haben zuviel Geld. Falsch. Die Leute bekommen für ihr Geld bei den Banken zuwenig. Also stecken sie’s in die Häuser. Manchmal sind diese Häuser aber viel zu alt und müssen weichen für ‚was Neues. Offenbar hat es viele alte Häuser in der Gegend mit vielen zinsverdrossenen Erben. Jedenfalls steht Riechers Telefon nicht mehr still. Mal so richtig abräumen dürfen. Wer träumt davon nicht.

 

Erst campierten die Zeltlager-Kinder im Garten, dann ließ es der Staat krachen. Das Ruhrgas-Haus wartet auf sein Ende.

Erst campierten die Zeltlager-Kinder im Garten, dann ließ es der Staat krachen. Das Ruhrgas-Haus wartet auf sein Ende.

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Alles auf Anfang (Teil 56)

Und dann steht man da, mit einigen Jahrzehnten Lebenserfahrung – und kommt sich vor wie ein Dummer August. Architektendeutsch? Bemusterung? Preisverhandlungen? 27 Jahre haben Erika und Wolfgang Pfeif in ihrem Häuschen am Ende der Welt gelebt. Jetzt aber rauscht ein wahrer Bauirrsinn um sie herum. Am 23. August 2012 wurde ihr Fertighaus in Engelbostel aufgestellt. Am 30. August 2013 sind sie immer noch nicht drin. Dummer August.

Einmal ganz neu anfangen können. Tausendfach geseufzte Sehnsucht. Immer dann, wenn das Leben mal wieder besonders kompliziert erscheint. Alles verfahren. Verkantet. Verknotet. Erika und Wolfgang Pfeif würden auch gerne alles auf Anfang drehen. Und wenn es schon kein einfaches Weiterleben auf der geliebten alten Scholle in Schulenburg-Nord Nummer 6 geben kann, dann wünschten sie sich wenigstens, jemand stellte die Uhr zurück ins Jahr 2008. Denn das war furchtbar.

Steine und Frösche zuerst: Familie Pfeif packt. Es ist Zeit zu gehen.

Steine und Frösche zuerst: Familie Pfeif packt. Es ist Zeit zu gehen.

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Ein Schrecken ohne Ende (Teil 55)

Es hat etwas gedauert, in Schulenburg-Nord Nummer 6 anzukommen. Jedenfalls für mich. Die Gründe? Vielschichtig. Manche Wege benötigen eben mehr Zeit als andere. Überhaupt aber dauert es für Schulenburg-Nord Nummer 6 länger. Nicht nur etwas. Und das geht den Bewohnern gehörig auf die Nerven.

Erika und Wolfgang Pfeif sind es leid. Das Warten. Das Verhandeln. Das enttäuscht werden. Schluss! Aus! Ende! Wir bleiben hier!

Das wäre ‚was! Da bleiben. Das Rad zurückdrehen. Alle gedanklich schon gepackten Kisten wieder leeren. Gartenstühle raus und gut ist. Das geht natürlich nicht. Der Vertrag mit dem Flughafen ist geschlossen. Der mit dem Fertighaus-Unternehmen gar nicht weit weg auch. Wichtiger: Das Geld ist geflossen. Nichts geht mehr.

Eine Hütte hinter einer alten Villa. Sie sieht aus, als wäre sie am Ende. Für Erika, damals geborene Much, aber ist sie der Anfang einer einzigartigen Zeit. Rechts im Hintergrund lugt das Pferdekopfhaus hervor. Foto: privat

Eine Hütte hinter einer alten Villa. Sie sieht aus, als wäre sie am Ende. Für Erika, damals geborene Much, aber ist sie der Anfang einer einzigartigen Zeit. Rechts im Hintergrund lugt das Pferdekopfhaus hervor. Foto: privat

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Aufbrüche (Teil 54)

Zwei Jahre, einen Monat und einen Tag ist er her: mein erster Gang durch Schulenburg-Nord. Zwei Wochen fehlen noch, dann fehlt das Ziel meines ersten Besuches. Das stimmt nicht ganz. Auch wenn mit dem offiziellen Abbruch des Hauses Nummer 39 noch niemand begonnen hat, vollständig ist anders: das eine oder andere Fallrohr fehlt, ein Satz Sommerreifen. Die Spuren an der Haustür sind eindeutig. Aufbruch – als erlebte das Noch-Dorf davon derzeit nicht genug.

Und wie vor gut zwei Jahren stehen wir wieder grübelnd im Grünen: Karl-Heinz Dahlke und ich. Damals versuchten wir gleich gegenüber im Dickicht auf Grundstück Nummer 38 zu ergrüngen, wo einst der Hof Wilke wohl stand. Heute stehen wir vor Dahlkes ehemaliger Haustür – durch die irgendein Unhold versucht hat schlüssellos hindurchzukommen. Versucht. Aber nicht geschafft. Was, bitte um alles in der Welt, vermuten die Menschen in seinem alten Zuhause? Dahlke versteht vieles. Aber das nicht.

Knapp zwanzig Jahre haben sich die Eltern von Karl-Heinz Dahlke mit diesem Fest Zeit gelassen. Foto: privat

Knapp zwanzig Jahre haben sich die Eltern von Karl-Heinz Dahlke mit diesem Fest Zeit gelassen. Foto: privat

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