Verschlungene Wege (Teil 53)

Wenn es einem gefällt – dort, wohin es einen verschlagen hat, dann könnte man ja auch bleiben. Dann könnte aus der Wohnung zur Miete ja vielleicht ein eigenes Häuschen werden. Nur ein Stückchen weiter die Straße hinauf. Ein ganz kleines Stückchen. In Sichtweite. Hilft aber nichts. Weg ist weg. Erst kommt der Zaun. Dann die Maut. Und dann fährt Pan Am durch den Garten.

Knapp zwanzig Jahre hat Familie Kemna zur Untermiete gewohnt auf dem Hof Fiene, dem Haus mit der Nummer 32. Die Bewohner dieses Hauses haben den Krieg miteinander durchstanden, ihre Wunden gemeinsam gepflegt. Die Fiene Enkel rufen Karl Heinz‘ Mutter Margarethe Nana. Siegfried, der älteste der Enkel, rüttelt am Klavier, wenn Nana spielt. Doch nun ist es Zeit. Zeit für etwas Eigenes. Ein Grundstück bietet sich an. Nur zwei, drei Steinwürfe entfernt oben in Kananohe. Jenseits des Hotels Aquarium. Direkt am Wald. Gleich neben dem Haus, in dem Karl Heinz Kemnas‘ Zukünftige wohnt. Schön halt.

Am Ende dieses Weges liegt Schulenburg-Nord, ein Blick von Norden. Einst war dieses Asphaltstück die eifrig beradelte Dorfstraße. Dann kam der Zaun und Flugzeuge rollten durch den Garten.

Am Ende dieses Weges liegt Schulenburg-Nord, ein Blick von Norden. Einst war dieses Asphaltstück die eifrig beradelte Dorfstraße. Dann kam der Zaun und Flugzeuge rollten durch den Garten.

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Kriegskinder (Teil 52)

Kindheit in Schulenburg-Nord ist – unbeschwert, frei, laut und dreckig. Schön halt. Es sei denn, es herrscht Krieg. Karl Heinz Kemna ist heimgekommen in sein Dorf, 82 Jahre nach seiner Geburt, zwölf Jahre nach seinem Wegzug. Das Wiedersehen berührt. Auch ihn.

Es beginnt mit einer e-Mail. Karl-Heinz Dahlke hat sie mir geschickt. Er habe Post bekommen, berichtet er. Von einem Namensvetter. Ohne Bindestrich. Mehr noch: von einem Nachbarn, wenn auch ehemaligem. Kemna, Karl Heinz, wohnt heute im Harz. Mit ihm seine Frau Orla. Er Jahrgang ’31, sie ’29. Wichtiger: Wo Karl Heinz ohne Bindestrich geboren wurde, funkt heute Langenhagens neuer Tower weit sichtbar übers Land. Kemnas haben den Blog entdeckt, sich umgesehen und die eigenen alten Bilder daneben gelegt.

Was vom Vater bleibt: Ein Pferdewagen hat er dem Sohn Karl Heinz gebaut. Foto: privat

Was vom Vater bleibt: Einen Pferdewagen hat er dem Sohn Karl Heinz gebaut. Foto: privat

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Ein harter Kern (Teil 51)

Juli 2013. Flirrende Hitze steht über versengtem Gras. Wer mag, kann sich in den Schatten flüchten – unter dieser monströsen Eiche. Ein gigantischer Baum. Wer unter ihm steht, mag sich klein und einsam vorkommen – und steht doch im Zentrum allen Lebens. Nur etwa 40 Jahre zu spät.

Was mag dieser Baum miterlebt haben? Den Bau der Ziegelei schräg gegenüber, dort wo jetzt der Zahn der Zeit an der Ruine der Ruhrgas AG nagt. Gut 100 Jahre ist das her. Für den Geschäftsführer der Ziegelei wird auf ihrer Rückseite eine Villa erbaut, vor ihr die Remise für Pferd und Fuhrwerk. Pferdekopfhaus werden sie es später nennen, die Menschen dieses Dörfchens. Die Ziegelei wird weichen. Dafür kehrt das Leben ein an dieser einzigen Kreuzung am Ende der Welt: Im Café Dosdall, gleich gegenüber jenseits der Dorfstraße.

Ein schlichter Flachbau, errichtet aus Steinen der alten Kaserne, gerät zum Mittelpunkt des Dorfes. Foto: privat

Ein schlichter Flachbau, errichtet aus Steinen der alten Kaserne, gerät zum Mittelpunkt des Dorfes. Foto: privat

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Das Ende vom Anfang (Teil 50)

Manche Dinge mögen dutzendfach durch die Ohren rauschen. Begriffen sind sie erst, wenn die eigenen Zehen nass sind. Deshalb merke: Keller in Schulenburg-Nord sind mit Vorsicht zu genießen. Das gilt in allen Häusern. Auch solchen, deren Ende kurz bevor steht.

Ja doch. Alle haben es erzählt: Wer Keller in dieses Erdreich gräbt, durch das der Regen über dem Ton nicht ablaufen kann, ist im Grunde selbst schuld. Wer achtlos in solche Keller trotzdem geht – natürlich auch. Da siegt aber stumpf die Neugier über die Vorsicht. Und wenn doch dieses Kellers Stunden angesichts des Abrissgeräts draußen vor der Tür gezählt sind, wird man doch mal gucken dürfen.

Gucken ja. Betreten besser nicht. Der Schuhe wegen.

Ein letzter Tropfen jenes Guts, das über Jahrzehnte die Bewohner dieses Hauses nicht nur glücklich gemacht hat.

Ein letzter Tropfen jenes Guts, das über Jahrzehnte die Bewohner dieses Hauses nicht nur glücklich gemacht hat.

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Sammlerglück (Teil 49)

Die Recherche zu diesem Blog gleicht zuweilen vielleicht der Suche nach Fossilien. Mal hier ein bisschen unter die Steinplatten gelunst, mal dort. Und doch gibt es diesen einzigartigen Moment, in dem nicht nur ein kleines Eckchen abplatzt, sondern sich in einem Stück der Abdruck eines längst verschollenen Riesen offenbart. So wie es diesen einzigen Anruf gibt, der dieses hinfortgeblasene Haus mit der Nummer 2 mit einem Mal ins Leben zurückholt.

Der Anruf gilt Wolfgang Freiherr. Mein schieres Glück. Denn Wolfgang Freiherr weiß nicht nur scheinbar unendlich viel über das Wohnhaus seiner guten Freunde, des Ehepaar Pilz in Schulenburg-Nord. Er hat auch Fotos davon. Und mit einem Schlag hat jene Dame, die mir bislang nur in den Erzählungen der ehemaligen Nachbarn mal hier ein wenig, mal dort ein wenig begegnet ist, ein Gesicht. Gezeichnet in warmen Worten. Mir ist Wolfgang Freiherr in meinen bisherigen Recherchen nicht begegnet. Doch die direkten Nachbarn des Ehepaars Pilz, Erika und Wolfgang Pfeif direkt nebenan in Haus Nummer 6, lassen den Namen fallen. Und so rufe ich ihn an. Ob er denn erzählen wolle? Er will.

Gerda und Wilhelm Pilz in ihrem Element: dem Flohmarkt am Leineufer Hannovers. Foto: privat

Gerda und Wilhelm Pilz in ihrem Element: dem Flohmarkt am Leineufer Hannovers. Foto: privat

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Auf Spurensuche (Teil 48)

Ein Haus fehlt. Verschwunden ist es im Mai 2013. Zugeguckt haben diesmal nur die wenigen verbliebenen Nachbarn. Von jenen, die es einst bewohnt haben, ist schon länger nichts mehr zu sehen in dem Noch-Dorf zwischen den Bahnen. Der Versuch einer Spurensuche.

Der Dorfeingang hat es schwer. Wer von Engelbostel über die Heidestraße am Krähenberg vorbei über die Wiesen gen Schulenburg-Nord fährt, dessen Blick wird schnell gefangen. Von den respektheischenden Signallampen, die unvermutet aus dem Getreide auftauchen. Vom Tower als blinkendem optischen Fluchtpunkt. Und überhaupt von all den bunten Lichtern dieses übergroßen Nachbarn da hinter den Feldern.

Schulenburg Nord – Kartenansicht mit Hausnummern (Stand: Mai 2013)

Die Luftaufnahme einer allsehenden Suchmaschine zeigt auch im Sommer 2013 auch alle Häuser, die auf dieser Karte bereits in schwarz verschwunden sind. (Stand: Mai 2013)

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Ein Abschied mit Kind und Kegel (Teil 47)

Was braucht man, um schwerem Gerät Einhalt zu gebieten? So schwerem Gerät, welches mit der Drehung eines Handgelenks tragende Wände zum Einsturz bringen könnte? Man braucht Timing, ein paar Zeltplanen und ein wildes Rudel Kinder, das sich nichts anderes wünscht.

In dieser Spät-Juni-Woche 2013 beginnt der Grund, weshalb am nördlichen Ende der Dorfstraße zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch Häuser stehen. Es ist ein Zeltlager der Schulenburger Arbeiterwohlfahrt, eine Ferienaktion, für die sich viele der Kinder bereits im vergangenen Sommer angemeldet haben. Zu einem Zeitpunkt, als der Vater dieser Aktion – der jetzt Nicht-mehr-Nord-Dörfler Karl-Heinz Dahlke – noch keinen Schimmer hatte, wo er die Zelte seines Ortsvereins aufschlagen sollte.

Ein unverhofftes Wiedersehen: Karl-Heinz Dahlke (links) trifft in seinem ehemaligen Dorf seinen ehemaligen Nachbarn Dieter Hermann.

Ein unverhofftes Wiedersehen: Karl-Heinz Dahlke (links) trifft in seinem ehemaligen Dorf seinen ehemaligen Nachbarn Dieter Hermann.

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Vom Weggehen und Wiederkommen (Teil 46)

Was tut man, wenn der Frieden kommt? Wenn die Ehemänner zurück sind aus der Gefangenschaft? Wenn Hochzeit gefeiert und nach jahrelanger Suche eine eigene Bleibe gefunden? Man verirrt sich in drei Zimmern. Doch denken zwei Töchter an ihren lang verstorbenen Vater, dann scheint ihnen in neun Jahrzehnten nichts so schlimm wie das, was noch kommt.

Die erste Bettcouch kommt auf einem Handkarren. Aus Hannover. Für Erna, frisch verheiratete Sczesny, ist es Luxus. 1947. Der Krieg ist aus. Ihre Zeit hinter dem Tresen eines Lebensmittelladens in Hainholz auch. Georg hat sie beendet. Eines Tages stand der in Linden gestrandete Soldat vor ihr. Nun haben sie Hochzeit gefeiert. Oben. Oben in Schulenburg-Nord. Oben in ihrem Elternhaus, dem Hof Münkel. Ein Zimmer hat das Paar nun. Mit besagter Bettcouch. Mit einer Wasserbank. Und zwei Eimern an einem Haken an der Tür. Vielleicht das Wichtigste: Eine Tür, die man zumachen kann.

Man bringe Wellensittiche in eine Hundepension und - es kommt Rex. Foto: privat

Man bringe Wellensittiche in eine Hundepension und – es kommt Rex. Foto: privat

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Flirt an der Flak (Teil 45)

Wie muss das wohl sein, das Leben – nach dem Krieg? Es ist die Rückeroberung der Normalität mit all ihren kuriosen Details: Die Qual duftenden Kuchens auf dem Gepäckträger, die Pein schwappenden Wassers beim Durchklettern von Gräben und die heimliche Freude an einem heimlichen Liebespaar am Grammophon.

In einem Schulenburger Wohnzimmer gelingt manches wunderbar leicht. Der Sprung aus schlimmsten Kriegsnächten zur großen Wäsche. Wenn also Erna Sczesny und Gerda Spill, einst beide geborene Münkel, schaudernd erzählen von jener Nacht, in der Brandbomben die benachbarte Ziegelei in Flammen aufgehen ließen, dann kommt ihnen beim verinnerlichten Blick auf die Löschwasser holenden Männer unweigerlich ihr eigener schwerer Gang in den Sinn. Was tun, wenn heiße Sommertage ausgerechnet Berge dreckiger Wäsche beleuchten? Wenn also der Brunnen auf dem Hof mal wieder trocken gefallen ist?

Ein Mädchen, so weiß wie Schnee ... Die Damen belieben zu singen. Was sie sich dabei denken, scheint sie bis heute wahrlich zu amüsieren.

Ein Mädchen, so weiß wie Schnee … Die Damen belieben zu singen. Was sie sich dabei denken, scheint sie bis heute wahrlich zu amüsieren.

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Wenn nichts übrig ist, bleibt ein Rad (Teil 44)

Wie muss das wohl sein, wenn – Krieg ist? Wenn sich zunächst so gar nichts ändert an all den gewohnten alltäglichen Bahnen. Wenn zunächst nur Radio und Zeitungen voll sind von stolzgeschwelltem Brustton. Sich später Krankenhäuser füllen. Und schließlich Schuttberge wachsen. Wie hält man fest an seinem – Fahrradlenker? Mit einem Polo-Schläger in der Hand?

Erna und Gerda Münkel sind Schwestern. Jahrgang 1922 und 1925. Drei Jahre Altersunterschied. Die können die Hölle bedeuten. Oder ein perfektes Duo schmieden. Womit die zwei sich in hormonell turbulenten Zeiten gegenseitig das Leben schwer gemacht haben, verraten sie mir rund 75 Jahre später nicht. Warum auch. Es gibt Spannenderes zu erzählen. Und außerdem haben sie einen Onkel.

Wagemut brachte sie aufs Rad: Erna Sczesny, seinerzeit noch Münkel, kämpfte sich beim Kunstradfahren bis zur Niedersachsenmeisterin. Foto: privat

Wagemut brachte sie aufs Rad: Erna Sczesny, seinerzeit noch Münkel, kämpfte sich beim Kunstradfahren bis zur Niedersachsenmeisterin. Foto: privat

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